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  • Kolumne

    Die Kolumne von
    Beate Kalmbach

Die in der Kolumne formulierten Meinungen geben ausschließlich die Auffassung des jeweiligen Verfassers wieder.

Vom Fördern und Fordern

und diversen Banalitäten
Rottweil, 25.01.2020 von Beate Kalmbach
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Zum Mittagessen über die Buschbrände in Australien gelesen. Zum Dessert ging es im Radio um das Artensterben.  Ausserdem war gestern der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Und eine rechtextreme Vereinigung ist  verboten worden. Ich sollte froh sein darüber, nicht  ´warum jetzt erst? ´ fragen;  aber es konnten nun alle mit viel Geruhsamkeit alles in Sicherheit bringen, was man da gerne haben wollte. Egal – 54rf vermutlich ist es eh gehopst wie gesprungen - diese Ärsche lösen sich wegen eines Verbots ja nicht in Luft auf. Es bleibt zum Kotzen.

Ich bereite  derweil die Fasnet vor und genieße die Banalitäten des Alltags. Narrentag in Überlingen. Das Gastgeschenk steht auf der Kommode und riecht nach Alte-Tanten-Parfum.

Es gibt immer wichtigere Themen. Wo es um alles geht, gibt es immer wichtigere Themen. Trotzdem geht mir diese Messerattacke im Jobcenter nicht aus dem Kopf. Ich hatte mit dieser Einrichtung auch schon Kontakt und bekam solche ´Vorladungen´. Kann gut sein, ich kenne die niedergestochene Frau.

Im Schwabo lese ich, der Täter soll ´psychisch krank´ sein und es sei ´schockierend´, dass er sich sozial engagiert habe. Verstehe ich nicht. Was soll denn daran schockierend sein, wenn einer sich sozial engagiert. Auch Ärsche engagieren sich.  Und weshalb psychisch krank? Aus den Zitaten konnte ich das nicht herauslesen. Anders – ja. Voll schräg. Meinetwegen  nicht ´normal´.- Aber ´nicht normal´ ist doch nicht gleich ´krank´, will ich mal wagen zu behaupten. Nur weil jemand eine Norm definiert, ist nicht alles, was diese sprengt, krank. Dieser Mann gehört nicht in die Psychiatrie - er gehört entwaffnet. Ich würde sagen, er ist einfach ´scheiße drauf´, richtig richtig scheiße. Nichts ist verlockender und einfacher als der eigenen schlechten Laune zu folgen. Nichts befriedigt schneller.  Kommt dann noch eine Prise Eitelkeit dazu, wird´s verschwurbelt. Krank ist das noch lange nicht. Nur eklig und ätzend.

Ich habe keine schlechte Erfahrungen mit dem Jobcenter an der Steig gemacht. Über die Schreiben - ´Einladungen´ an ´Kunden´ - habe ich mich gleichwohl auch schon geärgert. Man heißt ´Kunde´, aber die Wortwahl gefällt nur denen, die nichts damit zu tun haben. Der Rest weiß, was Sache ist. Im internationalen Vergleich kann sich das deutsche Sozialsystem sicher sehen lassen. Ideal ist es trotzdem nicht. Und das spürt, wer es beansprucht. Ich würde lieber  von ´Klient´ sprechen. Klient, das klingt nach Anwaltskanzlei, nach schwerem Schreibtisch und dem Duft von Leder und Papier, und es lässt davon träumen, dass einem da jemand zur Seite steht. Unser Sozialsystem lebt aber gefühlt davon, dass der Kunde sich scheiße fühlt. Scham macht gefügig. Und wenn es stimmt, dass auch in Deutschland das reichste Prozent mehr besitzt als fast 90 % der ärmeren, (sagt Oxfam) und wenn man sich ganz problemlos vorstellen kann, wie Kriminelle wie die Beteiligten bei CumEx ganz nonchalant Kassen plündern, und wie der Justizapparat das so irritierend vorsichtig verfolgt und ahndet, und wenn man überdies ahnt, wie effektiv reiche Lobbyarbeit wirklich und wahrhaftig funktioniert, und wie arschig die Arschkarten der Anderen dadurch werden, weil wo die Trümpfe so lässig aus dem Ärmel flattern, die Arschkarten dem entsprechen müssen, weil  das Spiel so funktioniert - da wirken manche Schreiben der Sozialbehörden  dann schon sehr provokant. Es hängt ja doch zusammen.  Man könnte den Korb auch niederer aufhängen. Nicht in jedem Schreiben eine Liste der Drohungen, und das selbst dann, wenn  der ´Kunde´  seinen Aufgaben durchaus nachkommt. Und vielleicht  doch mal ein Hinweis darauf, dass eine persönliche Situation irgendwie eine Rolle spielen darf. Stattdessen - nichts dergleichen. Krankheit und Tod. Oder Unfall mit Totalschaden. Sonst hat man gefälligst zu erscheinen. Punkt und Basta. Rechtshilfebelehrungen 2 DinA4 Seiten.  Und Vorwürfe. „Sie haben zu Unrecht bezogen“ - wenn das Jobcenter sich verrechnet hat oder man mehr verdient hat als kalkuliert.  Unrecht! Hab ich betrogen oder was? Da frage ich mich dann auch „geht´s noch?“ . Und ich habe das auch schon die Dame am anderen Ende der Telefonleitung oder auf der anderen Seite des Schreibtisches gefragt, und die weisen diese Art Sprache dann von sich und das völlig zu Recht. SIE haben das nicht geschrieben. SIE haben das nicht so formuliert. Sie sind nur gezwungen umzusetzen. Mit ihrer Intention hat das wenig zu tun.

Ich habe Interviews gelesen und ´Expertenratschläge´ über mehr und bessere Sicherheitsvorkehrungen bei den Sozialbehörden. Mag alles stimmen. Ich würde andere Schreiben aufsetzen. Mehr und bessere Textbausteine anbieten. Individueller bearbeiten. Und generell darüber nachdenken, ob es nicht auch hilfreich wäre, wenn der Kunde sich nicht systematisch so scheiße fühlen müsste.

Herrje. ´Normal´ ist eine Illusion. Weshalb nicht auch die Unnormalen mitnehmen.  Selbst dann, wenn sie nicht schillernd und witzig daherkommen, selbst dann, wenn sie dem eigenen ästhetischen Empfinden spotten.  Nur weil sie da sind mitnehmen. Alle mitnehmen. Einfach nicht so kleinlich sein.

Ich verteidige nicht. Der Angreifer gehört in den Knast. Der hat Übles im Sinn. Auf diese Art Rebellion wartet nichts Gescheites. Wer einen Funken Liebe im Herzen hat, die weiter fühlt als bis zu ´ich´ und ´Vaterland´ und so´n Scheiß, der hat dafür kein Verständnis. Trotzdem  wünsche ich mir, dass auch die Anschreiben an diese anders  aussähen .

Ich wünsche der Frau des Jobcenters gute Besserung. Ich hoffe nicht, dass ich sie wiedersehe. Aber ich will ihr gerne sagen, dass sie bestimmt einen guten Job gemacht hat, und dass es nicht an ihr liegt.


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