Zusammen alt geworden

copyright Moni Marcel

Meine Flöte und ich sind zusammen alt geworden. Richtig alt. Allein der Blick auf die Aufkleber auf  ihrem Kasten reicht: „Solidarität mit Solidarnosc“ und „Kirche lebt von unten“ steht da. Und „Schwerter zu Pflugscharen“.

Wobei, wenn ich so darüber nachdenke – die sind zwar alt, aber irgendwie doch immer noch ziemlich aktuell…Die Kirche ist immer noch nicht da angekommen, wo ich sie mir einst gewünscht habe, in Polen wäre mehr Solidarität wünschenswert (und nicht nur dort), und wir Deutschen haben es immer noch viel zu sehr mit dem Waffenexport. Doch alt geworden sind wir beide. Bei mir sind es die Falten, bei ihr die brüchigen Fischhäutchen. Die B-Klappe mag gar nicht mehr. Und beim Ansatz muss ich mich saumäßig anstrengen, dass überhaupt noch was Gescheites dabei rauskommt. Vor ein paar Jahren hab ich sie zum Doktor gebracht, also zu Mister Music. Dachte, die könnten meinen Liebling wieder auf Vordermann bringen, doch weit gefehlt. Der Mensch dort lachte mich aus: „Schon wieder einer mit einer Keilwerth-Flöte, das haben wir grad dauernd!“ Mein versilbertes Stück sei es nicht mehr wert, repariert zu werden, ich solle mich nach einem gebrauchten Ersatz umschauen. Das tat weh. Wir hatten echt tolle Zeiten miteinander. An Lagerfeuern, bei Jugendgottesdiensten, Konzerten…Der Höhepunkt war in der Klosterkirche Benediktbeuern, als wir ein Solo zusammen mit Musikern der Münchner Philharmoniker gaben, unter dem Dirigat von Franz Josef Strauß. Also nicht dem Politiker, sondern seinem Namensgesellen, der im Kloster Musikpädagogik unterrichtete. Ein Salesianermönch, der das Kloster später verließ, weil seine Partnerin das dritte Kind erwartete und die Kirche dafür keine Alimente mehr zahlte. Für zwei zahlt sie. Wilde Zeiten haben wir zusammen durchgemacht. Und ich mag sie noch nicht aufgeben. Vielleicht finde ich ja noch einen willigen Doktor…und vielleicht lösen sich irgendwann auch noch die anderen Probleme? Ich bleib optimistisch.
 

Hinweis: Die in dieser Kolumne geäußerten Ansichten und Meinungen sind allein die des/der Autors/Autorin und spiegeln nicht notwendigerweise die Ansichten unserer Redaktion wider. Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für den Inhalt dieser Kolumne.

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