Genoss*innen schaft

Politik von unten
copyright Beate Kalmbach

Ich war bei einem Vortrags- und Gesprächsabend mit der aus Rottweil stammenden Isabel Feichtner, die in Würzburg Professorin für Öffentliches Recht und Wirtschaftsvölkerrecht ist. Die Linke und der Mieterbund hatten dazu eingeladen. In Ballungsgebieten steigen Mieten in unerschwingliche Höhen, in Rottweil steht Wohnraum leer, Bedarf besteht hier wie da zuhauf – es sollte um das Recht auf angemessenen Wohnraum, um Vergesellschaftung und planetare Bewohnbarkeit gehen. Ich weiß es nicht mehr alles, in mir hat es weitergewirkt. – Ich versuche zu strukturieren.

Frau Feichtner hatte „Inhedging“ erwähnt, eher in Bezug auf England, aber ich hatte mich kurz zuvor für die Bauernkriege interessiert und dazu gelesen. Der Adel, dem sowieso schon viel gehörte, herrschte willkürlich und immer schamloser, und er hatte sich in großem Umfang einfach und ohne Entgelt Gemeindeland angeeignet; Zaun drum: „meins!“; und wo zuvor Leute ihr Vieh hatten weiden lassen, wo man Holz schlug oder jagte, da war das fortan nicht mehr möglich. Die Aufstände damals wurden blutig niedergeschlagen, ein Gemetzel mit vielen Zigtausend Toten; die Herrschaft blieb im Sattel. Noch heute befindet sich die Hälfte des Waldes in Deutschland in Privatbesitz, zum größten Teil in der Hand von einem halben Dutzend Adelsgeschlechtern. Man möge das etwas auf sich wirken lassen.

Mit dem Land ist es wie mit vielen Wohnungen – einst gebaut aus Steuermitteln wurden sie irgendwann verkauft und gehören seitdem großen Konzernen. Vonovia etwa gehören eine halbe Million Wohnungen. Die sind Kapitalanlage und werden immer dann saniert, wenn es sich am geschicktesten rechnet, eher unabhängig davon, wann in der einzelnen Wohnung was kaputt ist, und so ist eher der Leitzins ausschlaggebend als die bezahlbare Wohnqualität der Bewohner*innen. Die Wohnungen sind weniger Heim und Zuhause als Durchzugsort, und Mieter werden zu Kapitalanlage&8209;Werterhaltungsposten. Und weil es immer mehr als genügend dieser Werterhaltungsposten gibt, weil die niemals ausgehen, muss man sich um die Einzelnen gar nicht so scheren.

Der Politik fällt wenig ein dazu. Hier ein Förderprogramm, da eine Mietpreisbremse, aber das sind wie schlecht haftende Pflaster – sobald’s abfällt, ist die Wunde wieder ungeschützt. Wohnungslose belasten nicht, dem Markt kann’s egal sein.

Derzeit offenbart sich so ungeschminkt, wie feudal dieses System noch immer und immer mehr ist. Über allem thronen ein paar Oligarchenfamilien und ganz unpersönlich „der Markt“. Dem Markt muss gefallen, was geht. Der Staat, so scheint’s, wird zum bloßen Hilfsmittel, damit der Markt funktioniert. Der Staat ist die Kutsche, in der Landlord „Markt“ reist, und – so sieht’s aus – ein paar Leute haben sich selbsterklärt zur ewig währenden, global sich bedienenden Dynastie erklärt.

Da dürfen alle alle Fehler machen, ein Bankrott hier, ein paar verpulverte Millionen und Milliarden da, ein paar Ungenauigkeiten und Tricksereien, vielleicht sogar mal eine handfeste Katastrophe – war doch gar nichts, kann ja mal passieren. Man geht hoch erhobenen Hauptes, nobel und gefasst darüber hinweg. Für etwas gerade stehen sähe anders aus. Den Schaden trägt die Volkswirtschaft. Er schlägt auf die Bilanzen, und wenn die nicht gut genug sind, dann ist Schluss mit lustig. Dann wird irgendwo gekürzt und gestrichen: Sozialarbeiter, Hilfsangebote, Schwimmbäder. „Zu viel Life in der Balance“, heißt es dann, „mehr Work!“ Und während die Kapitalanleger in ihrer Balance ganz ohne Work auskommen, schwingen sie munter die Knute. Die einen haben halt Glück, die anderen erst keines, und dann kommt vielleicht sogar noch Pech dazu.

Bei den Unteren rächen sich Fehler ab sofort wieder mit lebenslänglich. Wer mal schlecht geplant und gewirtschaftet hat, wer mal eine üble Phase hatte,  der braucht fortan keinen eigenen Plan mehr, der hat sich ab sofort bedingungslos dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen, wie ein moderner Tagelöhner. Und wer nicht mitzieht, behilft sich gottweiß wie oder hungert und friert.

Diese Feudalherren scheren sich auch nicht um die Idee, der Planet könnte evtl. gar kein Interesse daran haben, eine Spezies hervorzubringen, die dann sich selbst UND den Planeten komplett abfuckt. „Drill, baby, drill“, bis nichts mehr geht. Die stellen sich ernsthaft vor, das läge drin in individueller Freiheit und Selbstverwirklichung. Ich habe keine Ahnung, worin der Kick liegt. Man muss das auf jeden Fall nicht toll finden. Da darf man sich entziehen wollen und ist deswegen noch lange kein Verweigerer, schon gar kein „totaler“, sondern einfach auch nur Mensch.

Das klingt undankbar, es verhungert ja keiner, es geht ja doch allen recht gut. Das stimmt. Für die Allermeisten. Gerade ich selbst habe von einem sozialen und sozialstaatlichen Netz und von etlichen Unterstützungen und Hilfsangeboten profitiert und bin nach einem Bankrott ganz genau damit wieder auf die Füße gekommen, so, dass ich heute meinen Beitrag wieder leisten kann. Das genau ist der Grund, weshalb ich dieses Netz so verteidige. Hätte ich nicht Hilfe, Zeit und Entwicklungsraum für eigene Wege bekommen, wäre das nicht gelungen.

Und dennoch ist das, was wir Wohlstand nennen, nicht mehr als übermäßiges, mitunter ziemlich bescheuertes Konsumieren, einzig gut dazu, das ewige Hamsterrad aus Arbeiten und Konsumieren  überhaupt auszuhalten. Nachhaltiger Wohlstand, was mehr ist als ein Haufen Konsumgüter, Wohlstand in Form von Wohneigentum und also einer gewissen Resilienz gegenüber Krisen, entsteht wenig. In Deutschland ist die Eigentumsquote an Wohnraum so niedrig wie sonst nirgends in der EU. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft krass auseinander, die Ungleichheit hat absurde Ausmaße angenommen, die Steuerungerechtigkeit auch, schrumpfen tut’s nur unten, oben wächst es ins Unermessliche, und was Durchlässigkeit und Aufstiegschancen angeht, rangiert Deutschland ebenfalls auf den hinteren Plätzen. Dies Oben ist by the way selbst ziemlich undankbar. Kein Mensch leistet so viel, wie die Überreichen ihr Eigen nennen.

Frau Fechtner erzählte von Genossenschaften. Und da wurde ich wieder hellhörig. Wir sind Herdentiere und bilden Gemeinschaften; die Familie sei die kleinste Zelle, heißt es, aber so stark die sein kann – sie ist trotzdem zu anfällig für Krisen, und sie ist diesen Dynastien, denen man am Allerwertesten vorbeigeht, ziemlich schutzlos ausgeliefert. Es braucht größere Strukturen.

Es ging um Wohnraum in Rottweil, und das Gespräch kam auf Missstände wie Leerstand und Verfall, und keiner hat den Hintern in der Hose, Eigentümer auf ihre Pflichten hinzuweisen und/oder das Denkmalamt so zu zügeln, dass es nicht lebensfremd wird. Am Ende warten alle darauf, dass die betreffenden Gebäude restlos und unrettbar verfallen, damit man sie endlich abreißen kann. Dann rechnet's sich für irgendwen wieder. Braucht halt Zeit. Wer gut wohnt, hat damit kein Problem. Wer sucht, schon.

Es gibt Wirtschaftsbeauftragte und Innenstadtmanagerinnen – für die Unternehmen. Für Wohnraum gibt es das nicht: eine öffentliche Stelle, die Wohnungen erfasst, Eigentümer anspricht, die Leute, die sich mit Sanierung und Vermietung evtl. nicht belasten wollen oder können,  hilft und vermittelt zwischen Ver- und Mietern vermittelt.

Bürokratieabbau wird ja häufig so verstanden, dass ganze Themen einfach gestrichen werden. Artenschutz – ein Problem, freilich, aber keines, das juckt: Wenn künftig irgendwas gebaut oder abgebaut wird, dann kann keiner mehr Umweltschutz einklagen. Und die Bauern dürfen wieder frei Gülle ausbringen; wenn Boden und Wasser davon belastet werden, dann soll auch das nicht scheren. Das ist ein Ausmaß an Ignoranz, das einem die Sprache verschlägt.

Die Standards aber für Wohnraum so zu modifizieren, dass ohne allzu viel Gedöns Gewerbe- oder sonstiger umbauter Raum in Wohnraum und bei Bedarf auch wieder zurückverwandelt werden könnte, das könnte hilfreich sein. Anständig wohnen ist auch eine Frage der Fantasie.

Ich überlegte während der Diskussion leise weiter, und meine Jugend mit den Sanierern fiel mir ein. Die Bauherren stellten Material und Vesper, Leute, die Lust am Schaffen hatten, ihre Zeit. Später hatten einige mit Wilhelm Mayer und der Pflugbrauerei ihre Deals: Sanierung gegen mietfreies Wohnen. Der Mayer hat schon geguckt, dass die Rechnung für ihn gut passte. Das Prinzip war ganz gut, denk ich, und ähnlich dem, worüber Frau Feichtner sprach – genossenschaftliches Zusammen und Erbpacht.

Und ich träume im Konjunktiv, viel „hätte, wäre, würde“.

Ich gehe stramm auf die 60 zu. Das muss kein Hindernis sein. Aber manchmal spüre ich das halt auch, und dann habe ich auch das Gefühl, mit den diversen anderen Aufgaben ausgelastet zu sein. Es geht ja nicht immer alles nebenher; das tut’s vielleicht bei denen, die es sich leisten können, immer und gerade in den schwierigen Momenten, wen anzuheuern. Geil, wenn man’s kann. Schätze ich.

Man könnte sich zusammentun, zu einer Community, einer Genossenschaft, und ein altes Haus angehen, sich mit dem Eigentümer einigen, Erbpacht oder so – offenbar kann er es sich ja leisten, das Haus einfach sich selbst zu überlassen. Dann kann er es sich auch leisten, es auf bestimmte Zeit anderen zu überlassen. Ressourcenschonend wäre das. Wenn sich also auch eine Bank fände, die da großzügig Geld lieh, wenn Gesetze, Vorschriften, Einrichtungen und Instanzen gerne einen förderlichen Rahmen bereitstellten, das wäre cool. Und dann schaffen und günstig wohnen, und noch Energie haben für all das, was man sonst noch tun will und kann – was wäre alles machbar.

Da wäre sogar Raum für ein ganz neues „Wir“; wer gerne eine Prise Lokalpatriotismus mag, der hätte da ganz großartig Potential. Genossenschaft geht parteiübergreifend für alle.

„Mehr Arbeiten“ schallt es uns wieder und wieder entgegen. Bitte – am Willen und Können hapert’s nicht, eher an Form und Ziel. Schaffen ist was Schönes – wenn es um was Gescheites, Gutes geht, und solange es nicht Ausbeutung zu eines Anderm Nutzen bedeutet. In diesem Sinne – gehen wir’s an.

Genossenschaften – kleine Gemeinschaften, die ihre Infrastruktur bauen, weil die große sich verabschiedet hat in andere Gefilde – die gibt es für den Klimaschutz, für Energie, in der Landwirtschaft, im Sozialen, im Wohnen, in der Kinderbetreuung … in vielem. Derzeit weht ein strenger Wind, und die Strukturen nutzen eher den Konzernen und einem Immer-Größer, weisen eher in Richtung global als lokal, wie bei so vielem in der derzeitigen Politik, entgegen allen Wissens. Für Genossenschaften ist der Rahmen eher so mittel-förderlich. Gehen tut es trotzdem; es braucht eine gute Kuttel, aber bitte, mit dieser klappt’s. Ich bin jetzt Mitglied bei Klimaregion. 
klimaregionrottweil.de (Beitrittserklärung)
Es geht ganz leicht.

Und der Schrebergarten, der ist irgendwie auch nichts anderes als eine Kleingärtnerkooperative. Das mit dem Wohnen will ich noch überlegen. Wirken von unten. Vielleicht kaufe ich doch eines von Frau Feichtners Büchern.

Hinweis: Die in dieser Kolumne geäußerten Ansichten und Meinungen sind allein die des/der Autors/Autorin und spiegeln nicht notwendigerweise die Ansichten unserer Redaktion wider. Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für den Inhalt dieser Kolumne.
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