
Wer in deutschen Unternehmen genau hinschaut, beobachtet ein Muster, das sich durch Branchen und Hierarchien zieht: Frauen übernehmen Verantwortung, treiben Projekte voran, halten Teams zusammen – und erhalten dafür seltener Anerkennung als männliche Kollegen in vergleichbaren Rollen. Das Problem liegt dabei nicht bei den Frauen selbst, sondern in einer Arbeitskultur, die lautes Auftreten häufig mit Kompetenz verwechselt und stille Leistung schlicht übersieht.
Bettina Desch vom Personaldienstleister Randstad kennt dieses Ungleichgewicht und betont: „Viele Frauen unterschätzen, wie wichtig es ist, die eigene Arbeit aktiv zu kommunizieren. Ein kurzes Update im Teammeeting, eine E-Mail an die Führungskraft nach einem Projektabschluss oder ein Gespräch beim Kaffee – das sind keine Selbstdarstellungen, sondern professionelle Signale, die zeigen: Ich gestalte mit und übernehme Verantwortung.“ Ihr Rat macht deutlich, dass Sichtbarkeit kein Ausdruck von Eitelkeit ist, sondern eine berufliche Kompetenz, die sich erlernen lässt – und die gerade dort nötig wird, wo das Umfeld sie nicht von allein herstellt.
Denn die Ursachen für diese Schieflage sind tief verankert. In Meetings überlassen Frauen das Wort häufiger den Kollegen, auch wenn sie die fachlich fundierteren Argumente hätten. Erfolge werden gern im „Wir“ verpackt, während der eigene Anteil unerwähnt bleibt – nicht aus fehlendem Selbstbewusstsein, sondern weil eine gesellschaftliche Prägung genau das über Jahre eingeübt hat: nicht zu viel Raum einnehmen, nicht unbescheiden wirken. Was als Zurückhaltung gemeint ist, wird im beruflichen Kontext jedoch leicht als mangelndes Engagement gelesen. Gleichzeitig fehlt es in vielen Unternehmen an Führungskräften, die diese stille Leistung aktiv sichtbar machen und einordnen. Die Verantwortung dafür liegt also auf beiden Seiten – beim Umfeld, das hinschauen muss, und bei den Frauen, die lernen dürfen, die eigene Leistung ohne schlechtes Gewissen zu benennen. Ein erster Schritt kann so einfach sein wie der Vorsatz, im nächsten Meeting als eine der Ersten zu sprechen, oder bei der Vorstellung von Ergebnissen den eigenen Beitrag klar zu formulieren. Wer damit anfängt, verändert nicht nur die Wahrnehmung von außen, sondern auch den Blick auf sich selbst – und genau das macht am Ende den Unterschied.