Oberbürgermeisterwahl Rottweil 2022

"Grundsätzlich braucht es für Bürgerinnen und Bürger Informations- und Unterstützungsangebote"

Antworten von OB-Kandidat Kai Jehle-Mungenast zu Fragen der Rottweiler Umweltinitiativen

Kai Jehle-Mungenast
Kai Jehle-Mungenast reichte seine Kandidatur zur Oberbürgermeisterwahl in Rottweil ein.

Kai Jehle-Mungenast ist von der Einzelbeantwortung der Fragen abgewichen und hat diese in den vorgegebenen Themenbereichen zusammengefasst:

Themenbereich Energie:

Gerade die letzten Monate zeigen, dass die Energieversorgung eines der großen Herausforderungen unserer Gesellschaft sein wird. Mit Blick auf den kommenden Herbst und Winter sorgen sich viele ganz konkret. Eine Vervielfachtung der Energiekosten werden auch viele Rottweilerinnen und Rottweiler finanziell schwer bis nicht mehr tragen können. Daher ist für mich die Energiefrage auch eine sozialpolitische Frage.

Neben dieser ganz konkreten Sorge muss unser Blick in die Zukunft geben. Die Klimaveränderung ist nicht von der Hand zu weisen, auch in Rottweil sind wir zunehmen von heißen Sommerwochen und Trockenheit getroffen. Daher ist für mich klar, dass wir eine konsequente Energiewende hin zu nachhaltigen Formen der Energiegewinnung und ganz konkret Maßnamen zum Energiesparen brauchen. Und dabei dürfen wir nicht auf die große Politik zeigen, sondern müssen als Kreisstadt unseren Teil zur Energiewende beitragen. Als Stadt müssen wir hierbei mit gutem Vorbild voraus gehen und alle Potenziale der städtischen Gebäude vollumfänglich ausschöpfen.

Ich möchte ein Beispiel nennen: Das Freibad und das Hallenbad erlebe ich als CO2- und Energie-Schleuder. Warum entwicklen wir die beiden Bäder nicht neu zu einem familienfreundlichen Kombi-Bad, das auf höchstem Energieniveau, mit klugen Wasserkreisläufen, Naturbadelemente und eigener Energiegewinnung Vorreiter ist? Vielleicht sogar das erste CO2-neutrale Bad der Region?

Grundsätzlich braucht es für Bürgerinnen und Bürger Informations- und Unterstützungsangebote, beispielsweise zu Fragen der Energieeinsparung oder der Installation von PV-Anlagen. Viele stehen den PV-Anlagen noch skeptisch gegenüber und müssen über die Vorteile informiert werden. Gemeinsam mit der ENRW könnte ich mir ein Beratungszentrum in der Innenstadt und Energieberatungen bei den Bürgern zu Hause vorstellen.

Die Installation von PV-Anlagen in der historischen Innenstadt ist kompliziert. Doch die Landesregierung hat die Installation von PV-Anlagen auf geschützten Gebäuden nun erleichtert. Trotzdem muss es zum Stadtbild mit den charakteristischen roten Dachziegeln passen. Dafür gibt es gefärbte Module. Diese sind aber teurer als die herkömmlichen Module. Ich will, dass Rottweil ein Ort für Innovation wird und auch solche Lösungen ausprobiert. Helfen kann ein Förderprogramm einer von Stadt und Bürgerschaft getragenen Energiegenossenschaft. Diese könnte auf mehreren Gebäuden Anlagen betreiben und Synergien schaffen. Kleinwärmepumpen sind im engen Stadtkern wenig sinnvoll. Gemeinsam mit der ENRW will ich prüfen, ob das Gas in den Leitungen durch Biogas oder Wasserstoff ersetzt werden könnten. Ein Nahwärmenetz, das von einer Großwärmepumpe gespeist wird kann ebenso die Wärmeversorgung klimafreundlich machen kann.

Es gibt übrigens auch kleine Solaranlagen, die nicht auffallen und damit nicht stören, aber zugleich in ihrer Gesamtheit durchaus ihren Beitrag leisten können. Beispielsweise Solarcarports und sogenannte Solar-Blumen, mit denen 2.000 bis 3.000 kWh Strom in kleineren Gärten erzeugt werden können und so zur Quartiersversorgung beitragen können.

Potenzial für Windkraft sehe ich im interkommunalen Gewerbegebiet Inkom. Dort wäre die Windkraftanlage direkt bei den Großverbrauchern am Rand der Autobahn. Ansonsten würde sich vielleicht auch der Hochwald anbieten? Mir ist bewusst, dass es auch Menschen gibt, die sich an Windrädern stören. Doch was ist die Alternativ zur Energiewende? Lieber schaue ich auf ein Windrad, als auf ein Kohlekraftwerk.

Themenbereich Mobilität:

Damit die Mobilitätswende gelingen kann, braucht es überzeugende Alternativen zum PKW. Verboten helfen nicht, wenn die Alternativen fehlen. Die Busse müssen dann fahren, wenn die Menschen unterwegs sein müssen oder wollen. Darum will ich, dass man auch nach 20 Uhr von der Kernstadt in die Teilorte kommt. Der Fahrplan muss besser aufeinander abgestimmt sein, um Umstiegszeiten kurz zu halten. Eine zusätzliche Idee können Mitfahrbänkle darstellen. Die Anzahl der Elektroladeplätze in Rottweil ist zu gering, hier braucht es einen zielgerichteten Ausbau. Und der Oberbürgermeister sollte Vorbild sein und keinen alten Verbrenner fahren.

Die historische Innenstadt als das Zentrum Rottweils braucht dringend eine höhere Aufenthaltsqualität und eine neue Definition weg von der Einkaufsmeile mit PKW-Durchgangsverkehrt und der Sehnsucht nach einem H&M, hin zu einem Lebensort aller Generationen. Damit dies gelingen kann, braucht es Spielgeräte für Kinder, der Ausbau der Barrierefreiheit, saubere Toiletten und Wickelmöglichkeiten, hochwertig Läden mit außergewöhnlichen Produkten – die es bestenfalls so nur in Rottweil gibt – und vor allem Platz, damit ein urbanes Leben auf den Plätzen und Straßen statt finden kann.

Voraussetzung dafür ist aber, dass der PKW-Verkehr beruhigt wird! Dafür braucht es mittelfristig Maßnahmen der Stadt- und Verkehrsplanung, teilweise in Zusammenspiel mit Bund und Land. Aber solange dürfen wir nicht warten, sonst blutet die Innenstadt komplett aus. Daher braucht es schon jetzt Formen einer erhöhten Aufenthaltsqualität und zugleich die weiterhin gute Erreichbarkeit der Innenstadt. Warum nicht mal Alternativen für eine begrenzte Zeit testen? Als eine Idee schwebt mir vor, die Innenstadt an mehreren verlängerten Wochenenden zu sperren und die dadurch frei gewordenen Flächen zu nutzen, beispielsweise mit offenen Bühnen, Märkte, Straßenmalerei, temporäre Spielstraße für Kinder. Denkbar wäre für mich, dass Busse an unseren Parkplätzen diejenigen kostenlos in die Innenstadt mitnehmen, die ihr PKW vor der Innenstadt abstellen.

Radfahren ist nur interessant, wenn man gut zum Ziel kommt und sich dabei sicher fühlt. Die Bedarfsstreifen, die es bei uns oft in der Stadt und auf den Verbindungsstraßen zu den Teilorten gibt, müssen durch ein kluges Netz aus richtigen Fahrspuren für Fahrräder und Fahrradstraßen ersetzt werden. Schon lange liegt ein Radwegekonzept von der Verwaltung vor. Die Umsetzung geht aber nicht voran.

Insbesondere weil völlig unklar erscheint, was nun mit der Hängebrücke ist, sollten wir nicht mehr länger auf eine Lösung warten, die vielleicht nie kommt. Daher erscheint mir die Prüfung eines Shuttles zwischen Testturm und Innenstadt als reizvolle Idee. So könnten unsere Gäste ihr Auto beim Teststurm stehen lassen und wir halten diesen PKW-Verkehr aus unserer Kernstadt heraus. Vielleicht sogar als Teststecke für ein teilautonomisches Fahrzeug? Als Bezirksvorsteher von Stuttgart-Vaihingen habe ich bereits Ansätze der Universität und des Fraunhofer-Instituts erlebt, die unglaublich weit entwickelt sind. Warum testen wir in Rottweil nicht nur Aufzüge, sondern auch neue Shuttle-Lösungen?

Themenbereich Umwelt- und Klimaschutz:

Die Frage des Umwelt- und Klimaschutzes soll für Rottweil maßgeblich sein. Daher setze ich mich für ein klimaneutrales Rottweil und Klimabilanz als Steuerungsinstrument ein. Dafür kann eine Klimaschutzmanagerin oder ein Klimaschutzmanager als Teil des OB-Stabs zeitlich befristet Impulse geben, letztendlich muss sich diese Aufgabe aber als Grundhaltung in der Verwaltung und den politischen Gremien verinnerlichen. Zur fachlichen Begleitung kann ich mir ein Umwelt- und Klimaschutzbeirat vorstellen, in dem beispielsweise die Natur- und Umweltverbände, aber vor allem auch Jugendliche mitwirken. Schließlich geht es um die Zukunft der jungen Generation!

Aktuell ist unsere Innenstadt sehr versiegelt und wird gerade in den Hitzetagen im Sommer zu einer Fläche, auf der man ungern sitzt. Eines meiner Schlüsselvorhaben zur Reaktivierung der Innenstadt ist für mich eine höhere Aufenthaltsqualität, übrigens ohne Konsumzwang. Dazu zählen Bäume, die Schatten spenden und das Stadtklima verbessern, aber auch ein Wasserlauf – dieser lässt sich mit den vorhandenen Brunnen kombinieren – und Trinkbrunnen.

Bei der Bauplatzvergabe schlage ich vor, dass Kriterien wie CO2-neutrales Bauen oder Niedrigenergiekonzepte bei der Vergabe berücksichtigt werden. Bei den Bauherren selbst möchte ich den Einbau von Aufsparrendämmungen aus Holzweichfaserplatten bei Dachsanierungen werben.

Der Dialog ist für mich zentral. Deshalb möchte ich rasch ständige Dialogformate etablieren, beispielsweise des Oberbürgermeisters und der Verwaltung mit Bürgerinnen und Bürger, mit Initiativen und Vereinen, aber vor allem auch mit Handel, Gastronomie, Kunst und Kultur, sowie vor allem der Wirtschaft. Zentrales Element muss dabei sein, Betroffene zu Mitentscheidern zu machen.

Außerdem schlage ich die Einführung eines Bürgerhaushaltes vor. Mit diesem können Bürgerinnen und Bürger ganz konkret Vorschläge zum städtischen Haushalt machen und so beispielsweise Vorhaben des Umwelt- und Klimaschutzes wirkmächtig platzieren.