
Welche zukunftsfähigen Konzepte haben Sie im Energiebereich?
In einer PV-Offensive müssen mehr Dächer in Rottweil und den Teilorten zu Tankstellen für Sonnenenergie werden. Eine landesweite Rangliste zeigt starke Unterschiede (siehe „PV Netzwerk BW“). Hier zeigt sich, dass es in Rottweil einen großen Nachholbedarf gibt. Das große Potenzial auf Ein- und Mehrfamilienhäusern, öffentlichen Gebäuden, Gewerbegebäuden und Industriebauten ist noch längst nicht ausgeschöpft.
Frage: Welche Maßnahmen wollen Sie einleiten, um diese Potenziale für PV-Anlagen besser zu nutzen?
Dr. Christian Ruf: Ich finde es gut und richtig, dass der Gesetzgeber jetzt reagiert und Festlegungen getroffen hat. Beim Neubau von Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie bei der Anlegung von Parkierungsflächen sind PV-Anlagen Pflicht. Flankierend möchte ich in Rottweil diese Anforderung bei neuen Bebauungsplänen ebenfalls aufnehmen.
Intensiv diskutiert wird gerade die Möglichkeit kleinerer PV-Balkonanlagen. Hierfür möchte ich ein städtisches Förderprogramm auflegen, um zusätzliche Anreize zu schaffen und das Thema verstärkt in den Fokus zu rücken. Diese Anlagen sind relativ kostengünstig und bieten den großen Vorteil, dass auch Mieter von Wohnungen regenerativ Strom erzeugen können.
Welche Maßnahmen wollen Sie einleiten, um die Energiesparpotenziale in der Stadt besser und umfänglicher auszuschöpfen?
Dr. Christian Ruf: Grundsätzlich sehe ich die Stadt in der Pflicht, hier eine Vorreiterrolle einzunehmen und die energetische Modernisierung ihrer Gebäude voranzutreiben. Bei Neubauvorhaben muss der Fokus nicht alleine auf dem Energieverbrauch, sondern insgesamt auf Nachhaltigkeit liegen. In diesem Zusammenhang bedeutet „From Cradle to Cradle“, dass ein nach diesem Prinzip errichteter Neubau Baustoffe verwendet, die umweltfreundlich produziert werden und wiederverwendbar sind, wenn das Gebäude am Ende seines Lebenszyklus angekommen ist.
Weitere, wenn auch kleinere, Maßnahmen zur Energieeinsparung sind die vollständige Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf LED. Und ich werde prüfen lassen, inwieweit eine komplette Straßenbeleuchtung in den tiefen Nachstunden erforderlich ist.
Wie stellen Sie sich konkret eine Bürgerbeteiligung bei PV-Anlagen an öffentlichen Gebäuden vor?
Dr. Christian Ruf: Andere Städte und Stadtwerke praktizieren die Möglichkeit von Bürgersolaranlagen bereits erfolgreich. Für Rottweil kann ich mir dies ebenfalls sehr gut vorstellen, insbesondere weil es auch die Akzeptanz neuer PV-Projekte steigert. Interessierte Bürgerinnen und Bürger haben dann die Möglichkeit, Anteile an der PV-Anlage erwerben und an deren Ertrag partizipieren.
Welches Windkraftpotenzial sehen Sie für Rottweil und wie wollen Sie konkret ansetzen?
Dr. Christian Ruf: Die Verfahren zur Errichtung von Windkraftanlagen sind auf Landes- und Bundesebene nach wie vor sehr langwierig, die gesetzlichen Regelungen eher restriktiv. Ich gehe davon aus, dass sich dies ändern wird. Gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern, Behörden und Interessenverbänden gilt es trotzdem, geeignete Standorte zu definieren, bei denen Ertrag und Eingriff in die Natur in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Der technische Fortschritt ermöglicht heute den Bau von ertragreichen Windenergieanlagen auch in weniger windreichen Gegenden.
Welche konkreten Lösungen wollen Sie für die Innenstadtbewohner einleiten, die bisher aus Denkmalschutzgründen keine PV nutzen dürfen und ab wann werden sie zur Verfügung stehen?
Dr. Christian Ruf: Ich möchte den Bewohnern der Innenstadt die Chance bieten, dass sie sich bevorzugt an Freiflächen-PV-Anlagen beteiligen können. Sie erzeugen den Strom dann zwar nicht auf ihrem eigenen Dach, er kommt aber im Umfang der jeweiligen Beteiligung kostenlos aus der Streckdose – also sozusagen ein Ringtausch. Die ENRW kann hier die erforderlichen Voraussetzungen schaffen.
Welche zukunftsfähigen Konzepte haben Sie im Mobilitätsbereich?
Für eine zukunftsfähige und lebenswerte Stadt braucht es Verkehrskonzepte, die eine wahlfreie Mobilität ermöglichen. Hier spielt besonders der Umstieg auf den Umweltverbund und die Anbindung in die Teilorte eine wichtige Rolle.
Wie sehen Ihre konkreten Pläne aus, weg von der autogerechten Stadt Rottweil, hin zur menschengerechten und deutlich verkehrsberuhigten Rottweiler Innenstadt?
Dr. Christian Ruf: Wenn wir den Verkehr in der historischen Innenstadt reduzieren und die Aufenthaltsqualität steigern möchten, müssen wir stufenweise vorgehen. Ansonsten wird es zu Umgehungsverkehr kommen und wir schaffen neue Probleme an anderer Stelle. Deshalb dürfen wir nicht in Sperrungen denken, sondern müssen – wie die nächsten Fragen auch aufzeigen – das Thema Mobilität ganzheitlich betrachten. Voraussetzung, damit Menschen vom Auto aufs Fahrrad oder den Öffentlichen Personennahverkehr umsteigen oder zu Fuß gehen, sind jeweils attraktive Angebote.
Weniger Individualverkehr setzt auch Parkierungsschwerpunkte im Norden und Süden am Rande der historischen Innenstadt voraus in Kombination mit einem gut funktionierenden Parkleitsystem. Ein erster Schritt auf dem Weg könnte eine Einbahnregelung im Zuge der Neugestaltung des Friedrichsplatzes sein. Bei der Diskussion müssen wir aber immer die berechtigten Interessen der Anwohner der historischen Innenstadt berücksichtigen, auch ÖPNV, Rettungsdienste und Lieferverkehr werden weiterhin durch die Stadt fahren.
Welches Konzept haben Sie für mehr und sicherere Rad- und Fußverkehrswege?
Dr. Christian Ruf: Es gibt einen Entwurf für ein Rad- und Fußwegekonzept, dieser muss jetzt konkretisiert und dann zeitnah schrittweise umgesetzt werden. Wichtig ist eine durchgängige Lösung mit möglichst direkten Verbindungen, die auch die Stadt- und Ortsteile einbindet. Die Körnerstraße soll Fahrradstraße werden, parallel dazu brauchen wir einen sicheren Radverkehr auf der Königstraße. Wir müssen uns dabei immer an den Gegebenheiten orientieren, deshalb wird es unterschiedliche Standards geben wie Radweg, Radfahrstreifen und Schutzstreifen. Momentan befinden sich Hochbrücke, Hochbrücktorstraße und Viadukt im Eigentum des Landes. Erst wenn die Stadt diese Bereiche erwirbt, ist die weitere verkehrliche Beruhigung möglich.
Welche Pläne haben Sie für den ÖPNV – dichtere Taktung, 1 Euro-Tagesticket, Gratistagesticket, bessere Anbindung der Teilorte…?
Dr. Christian Ruf: Beim ÖPNV sehe ich durchaus Verbesserungspotential, deshalb sind intensive Gespräche mit dem Betreiber der Stadtbuslinien nötig. Eventuell müssen wir als Stadt über eine dichtere Taktung bei einzelnen Linien nachdenken und dabei vom Grundsatz der Eigenwirtschaftlichkeit abrücken – also zusätzliche Linien finanzieren. Das schließt auch die Stadt- und Ortsteile mit ein. In diesem Zusammenhang sehe ich auch zukunftsfähige und verlässliche On-Demand-Lösungen, um zeitliche Randbereiche besser abzudecken.
In der Stadt möchte ich etwas ganz Neues wagen und einen Modellversuch starten mit einer Art Straßenbahnlinie. Ein elektrischer Kleinbus soll permanent zwischen Kriegsdamm und Aquasol verkehren und kostenlos Fahrgäste befördern, die ihre Autos in den Randbereichen parken. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Angebot angenommen wird, wenn der Shuttle zuverlässig fährt. Lassen Sie es uns einfach mal versuchen. Zur Finanzierung werde ich vorschlagen, zweckgebunden die zusätzlichen Einnahmen aus dem vom Gemeinderat beschlossenen, neuen Parktarifkonzept verwenden. Das ist dann auch ein Beitrag zur autoärmeren, menschenfreundlicheren Stadt.
Welches Park- und Ladekonzept haben Sie für die motorisierten Innenstadtbewohner?
Dr. Christian Ruf: Ein Aspekt ist, dass Bewohner der historischen Innenstadt künftig mit ihrem Anwohnerparkausweis kostenfrei auf den Parkplätzen im Bereich
Nägelesgraben/Kriegsdamm sowie auf dem Sonnenparkplatz parken dürfen. Dies ist mit der Gebühr für den Anwohnerparkausweis abgegolten. Nachdem die Stadt das Grundstück an der Ecke Oberndorfer Straße/Nägelesgraben langfristig pachten kann, ist im Bereich Nägelesgraben kein Parkhausbau erforderlich.
Darüber hinaus werden wir ein Ladekonzept für Elektrofahrzeuge in der Innenstadt entwickeln, das auch die Parkierungsschwerpunkte im Norden (Nägelesgraben/Kriegsdamm) und im Süden (Groß´sche Wiese) einbezieht. Beim Neubau des Parkhauses auf der Groß´schen Wiese ist dies selbstverständlich Bestandteil der Planung – deshalb wird dieses Parkhaus beim Thema Ladekonzept eine wichtige Rolle spielen.
Welche zukunftsfähigen Konzepte haben Sie für ein lebenswertes Rottweil mit den Teilorten?
Um die Belange des Umwelt- und Klimaschutzes bei allen Entscheidungen mitzudenken und umzusetzen, braucht es für die Stadt in allen Ebenen sowohl den entschiedenen Kampf gegen den Klimawandel als auch die Anpassung an unvermeidbare Folgen, wie immer häufigere und extremere Hitzephasen und Starkregenereignisse. Auch Rottweil muss hier in allen Bereichen fit gemacht werden und braucht dafür technische und bauliche Anpassungen. Um eine lebenswerte Stadt zu sein, braucht es weniger Flächenversiegelung und deutlich mehr Stadtgrün zur besseren Aufnahme des Regenwassers und zur Kühlung der baulichen Umgebung.
Wo werden Sie für eine möglichst effektive Arbeit die/den Klimaschutzmanager*in in der Verwaltung positionieren?
Dr. Christian Ruf: Klimaschutz ist eine der zentralen Aufgaben unserer Zeit. Es steht außer Frage, dass wir alle dazu einen Beitrag leisten müssen – auch auf lokaler Ebene. Deshalb ist für mich Klimaschutz im Rathaus Chefsache, und die Stelle des Klimaschutzmanagers oder der Klimaschutzmanagerin muss direkt - als Stabstelle - beim Oberbürgermeister angesiedelt sein. Es ist eine Querschnittsaufgabe, die alle Bereiche der Verwaltung betrifft und nur so lassen sich Reibungsverluste vermeiden. Bei diesem Thema müssen wir ganzheitlich denken. In der Verwaltung berührt der Klimaschutz nahezu alle Bereiche – vom Bauen bis zum städtischen Fuhrpark, vom Verwaltungsbetrieb bis zur Energieeffizienz unserer Gebäude.
Welche Pläne haben Sie, um mehr Grün und Wasser in die Stadt zu bringen?
Dr. Christian Ruf: Mit der Landesgartenschau haben wir die einmalige Chance, unsere schöne Stadt im wahrsten Sinne des Wortes aufblühen zu lassen. Und das nicht nur während des Jahres 2028, sondern auch weit darüber hinaus. Die Landesgartenschau beschränkt sich nicht auf das Kerngelände, sondern bezieht ebenfalls den Grünzug um die historische Innenstadt mit ein. Wir werden beispielsweise den Kameralamtsgarten so umgestalten, dass er zu einem naturnahen Anziehungspunkt wird. Selbstverständlich gehören auch Wasserspiele zum Gesamtkonzept – wie gut solch ein Angebot angenommen wird, können wir am Nägelesgraben sehen.
Was gedenken Sie gegen die zunehmende Versiegelung und die vielen Schottergärten zu unternehmen?
Dr. Christian Ruf: Die zunehmende Versiegelung ist problematisch insbesondere im Hinblick auf das Mikroklima, Starkregenereignisse und den Abfluss größerer Wassermengen. Für mich heißt das: Ausweisung neuer Baugebiete mit Augenmaß sowie entsprechende Vorgaben und Festsetzungen im jeweiligen Bebauungsplan.
Beim Thema Schottergärten möchte ich verstärkt auf Aufklärung setzen. Es ist nämlich ein Irrglaube, Schottergärten seien pflegeleicht. Naturnahe Lösungen sind optisch weitaus ansprechender und erfordern nicht selten sogar weniger Aufwand. Dazu habt die Stadt, gemeinsam mit verschiedenen Initiativen, eine Broschüre mit vielen nützlichen Informationen erstellt. Insbesondere bei Neubaugebieten müssen wir die Bauwilligen in dieser Richtung verstärkt auch beraten.
Haben Sie einen Hitzeschutzplan für die Stadt?
Dr. Christian Ruf: Einen Hitzeschutzplan für Rottweil gibt es bislang nicht. Grundsätzlich halte ich es für sinnvoll, dass der Bund eine Gesamtstrategie zum Umgang mit längeren Hitzeperioden entwickelt. Es muss nicht jede Kommune das Rad neu erfinden.
Wie ist Ihre Vorstellung für energiesparendes Bauen in Rottweil?
Dr. Christian Ruf: Bauherren legen heute bereits größten Wert auf energiesparende Gebäude – einerseits aus Gründen des Klima- und Ressourcenschutzes und andererseits, um hohen laufenden Energiekosten vorzubeugen. Dafür hat der Staat Anreize durch gezielte Förderprogramme geschaffen. Diese müssen dringend aufrechterhalten werden. Wir als Stadt unterstützen dabei gerne durch entsprechende Informationen und Aufklärung bei Fragen. Darüber hinaus müssen wir als Stadt unsere Vorbildfunktion wahrnehmen – deshalb werde ich als Oberbürgermeister konsequent darauf achten, dass bei kommunalen Neubauprojekten des Thema Energieeffizienz im Fokus steht.
Die große Bandbreite an Themen zeigt den Handlungsbedarf, der in Rottweil besteht. Wie wollen Sie die Bürger*innen in diese politischen Entscheidungen miteinbeziehen?
Dr. Christian Ruf: Die Notwendigkeit von Klima-, Natur- und Umweltschutz ist mittlerweile gesellschaftlicher Konsens. Hier sehe ich auch ein großes bürgerschaftliches Engagement. Ich werde den direkten Draht zu den jeweiligen Organisationen pflegen und in einen regelmäßigen Austausch eintreten. Um eine breite Akzeptanz für Maßnahmen zu erreichen, müssen wir die Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungsprozesse einbinden. Gemeinsam mit den engagierten Organisationen und Initiativen, die sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen, möchte ich gerne neue Konzepte zur Bürgerbeteiligung entwickeln.
Die Fragen wurden erstellt von:
Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung, Angela Gessler
AK Klimaschutz der Lokalen Agenda, Raymund Holzer
BUND OG Raum Rottweil, Christina Kraus
NABU Rottweil und Umgebung, Bernd Franz