
Guido Speiser ist seit 1999 Vorsitzender vom Mieterverein Rottweil und Umgebung e.V. Und er hat allerhand zu tun. Rund 1200 Mitglieder hat der Verein, jeden Dienstag und Donnerstag kann man sich beraten lassen, und da kommen jede Menge Fragen und Probleme zusammen.
Derzeit berät Guido Speiser fast nur telefonisch, was aber auch nicht unproblematisch ist: Die Leute müssen sich für den Termin auf der Homepage anmelden, denn die kostenlose Beratung ist nur für Mitglieder möglich, "das müssen wir dann natürlich vorher prüfen." Und dann ist da das Problem mit der Verständigung, denn viele der Mitglieder brauchen für die Beratung einen Dolmetscher, was am Telefon nicht machbar ist.
Dass die Anfragen leicht zurückgegangen sind in letzter Zeit, ist für Guido Speiser und seine Mitstreiter keinesfalls das Zeichen für Entspannung auf den Wohnungsmarkt, im Gegenteil: "Ich denke, viele haben einfach Angst vor dem Vermieter und schlucken jetzt halt die Kröten eher." Denn die Wohnungspolitik liegt nach wie vor im Argen, soviel steht für den Mieterverein fest. Günstiger Wohnraum ist in und um Rottweil echte Mangelware. "Wohnungen für 10 bis 15 Euro pro Quadratmeter kriegen Sie, aber wer kann das bezahlen?" Zwar werde inzwischen auch in Rottweils historischen Innenstadt viel renoviert, Leerstände gibt es hier genug, aber "das sind Größenordnungen, die sind für den Durchschnittsverdiener nicht machbar."
Und dann hat jetzt gerade erst das Bundesverfassungsgericht den Berliner Mietendeckel gekippt - keine guten Aussichten für Mieter mit geringem Einkommen. Denn in Rottweil wurde der soziale Wohnungsbau seit Jahrzehnten vernachlässigt, stattdessen wurden städtische Wohnungen verkauft: "Wir hatten hier mal 360 Sozialwohnungen. Jetzt sind es noch 278.", betont Speiser. Immerhin werden nächstes Jahr auf der Spitalhöhe neue Mietwohnungen gebaut, ein Teil davon sollen Sozialwohnungen werden. "Mal sehen, was dabei rauskommt", zeigt sich der Vorsitzende skeptisch. "Die Stadt hat die Wohnungspolitik stiefmütterlich behandelt", so seine Kritik. Zwar sind die Gebäude am Omsdorfer Hang nun fertig saniert, "aber hier wurde dabei ja auch Wohnraum vernichtet."
Die Wohnungssituation werde durch die Pandemie noch schwieriger, prognostiziert der Fachmann. "Wenn das so weiterläuft, wird das zu einem Gesellschaftsproblem. Ich sehe keine Tendenz, dass es besser wird." Guido Speiser fordert einen Plan in Sachen Wohnungspolitik, der klar stellt, wo es hingehen soll, wo man in fünf, in zehn Jahren stehen will. Wohnungen mit einem Quadratmeterpreis von maximal 6.50 Euro würden dringend gebraucht, "da muss unbedingt etwas geschehen!" Die Mietwerttabelle helfe hier überhaupt nicht, "wenn Mieter ausziehen, schlagen die Vermieter eben um 20 Prozent auf." Günstiger Wohnraum sei inzwischen auch im Umland kaum noch zu finden, bei Neuvermietungen sei ein Quadratmeterpreis ab acht Euro keine Seltenheit mehr.
Info: Der Mieterverein bietet für seine Mitglieder kostenlose Rechtsberatung an und hat mehrere Fachanwälte im Team. Er hilft beim Schriftverkehr, begleitet bei Wohnungsübergaben und unterstützt bei Übergabeprotokollen. Erreichbar ist er unter Tel.-Nr.: 0741-21999 oder per E-Mail: mieterverein.rottweil@t-online.de.