Menschen

"Humanistische Errungenschaften in den Schlamm der Schlachtfelder getreten"

Volkstrauertag in Deißlingen - Bürgermeister Ulbrich spart nicht mit deutlichen Wort

Bürgermeister Ulbrich legte zusammen mit den Schülerinnen Jasmin Baisan, Stella Libuda und Jan Pfisterer und Hermann Kaiser vom VdK Kränze vor die Tafeln mit den Namen der Gefallenen der beiden Weltkriege nieder. Foto copyright Moni Marcel

Wieder einmal hat Deißlingens Bürgermeister in seiner Ansprache zum Volkstrauertag, der hier an Allerheiligen gefeiert wird, nicht mit deutlichen Worten gespart. Er erinnerte daran, dass sich in diesem Jahr zum 80. Mal die Ereignisse jährten, "die den Krieg auf dem europäischen Kontinent endgültig zu einem Vernichtungskrieg werden ließen: der deutsche Überfall auf die Sowjetunion sowie der Einmarsch in zahlreiche ost- und südosteuropäische Länder ließen das Kriegsgeschehen eskalieren und beschworen das Armageddon für unseren Kontinent herauf." Die vermeintlich so zivilisierten Völker Europas, allen voran die Deutschen, "ließen alles vermissen, was mit dem Begriff Menschlichkeit in Verbindung gebracht wird. Alle humanistischen Errungenschaften, derer man sich seit Jahrhunderten rühmte, wurden schlicht über Bord geworfen und bildlich mit den Füßen in den Schlamm der zahlreichen Schlachtfelder getreten."

Die Saat unmenschlicher Kriege heute, so Ulbrich, sei dieselbe, die von 80 Jahren in Europa aufgegangen ist. "Haben wir also als Menschheit in den letzten Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten nichts dazu gelernt? Man ist hier nah bei Albert Einstein, der zwei Dinge für unendlich hielt: das Universum und die menschliche Dummheit. Allerdings war er sich beim Universum nicht ganz sicher." Dabei seien ja nicht alle so dumm und verblendet, andere wegen ihrer Herkunft, Ethnie, Religion oder Lebensweise abgrundtief zu hassen, sondern nur eine Minderheit. Die Mehrheit dürfe niemals zulassen, "dass Hetzer, Demagogen und Radikale so laut werden, dass ihre Ideologien zur Mehrheitsmeinung werden. Wir leben in politisch aufgeheizten Zeiten, wie wir sie seit langem nicht mehr erlebt haben. Nicht nur bei uns in Deutschland, nein, weltweit ist der Nationalismus wieder salonfähig." Was durch Corona noch verschärft wurde, und so rief Ulbrich dazu auf, dass jeder seinen Teil beitrage, achtsamer miteinander umzugehen, "dass wir als Gesellschaft nicht immer weiter auseinanderdriften. Wir können täglich beweisen, dass die Dummheit eben noch nicht so weit um sich gegriffen hat, als dass sie unsere Gesellschaft und unser friedliches Zusammenleben gefährden könnte."
 
Es sei sicherlich schwierig, Verschwörungstheoretikern, Radikalen und verquer Denkenden argumentativ und sachlich entgegenzutreten. "Dennoch ist es wichtig, genau mit solchen Leuten im Gespräch zu bleiben. Denn Gewalt entsteht immer nur dann, wenn Wort und Argumente fehlen. Es bleibt uns letztlich die Hoffnung, dass die Mehrheit sich ihrer Größe und ihrer Bedeutung bewusst ist und eben dann ihr Schweigen bricht, wenn die Minderheit zu laut, zu dumm und zu unmenschlich wird." Und genau deswegen sei es so wichtig, die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten und daraus den richtigen Zeitpunkt abzuleiten, wann es Zeit werde, „Nein!“ zu sagen. "Nein zu Gewalt, nein zu Intoleranz, nein zu Rassismus, nein zu allem, was unsere freiheitliche demokratische Grundordnung gefährdet."
 
Die Schülerinnen Jasmin Baisan, Stella Libuda und Jan Pfisterer ergänzten Ulbrichs eindringliche Worte mit ihren: "Wir trauern, aber wir gedenken auch. Wir haben Euch nicht vergessen, wir wollen aus dem Vergangenen lernen, den Mut aufbringen, das nicht wieder zuzulassen." Und sie appellierten an die Mächtigen der Welt, ebenso zu lernen, zu erkennen und den Mut aufzubringen, aufeinander zuzugehen. "Wir sind die Generation, die dieses Land, diesen Planeten erben wird. Auch wir wollen leben!" Dann legten sie gemeinsam mit 
Hermann Kaiser von VdK Kränze vor den Tafeln der Opfer der beiden Weltkriege nieder.
Pfarrerin Rose Winkler und Pfarrer Felix Thome beteten anschließend gemeinsam und segneten dann die Versammelten und die Gräber. Umrahmt wurde die Feier vom Musikverein unter der Leitung von Volker Basler.