
Arzu Paj betreibt einen großen Friseursalon beim Münster, und sie kümmert sich um die Tauben der Stadt. Bei beidem hat sie derzeit schwer mit Corona zu kämpfen. "Mein Erspartes ist aufgebraucht", erzählt sie im Gespräch mit Rottweil Inside. Ihre Mitarbeiter sind auf Kurzarbeit, aber die drei Lehrlinge bekommen keine Zuschüsse vom Staat, "ich muss sie voll bezahlen."
Der zweite Lockdown ist bitter für die Friseurmeisterin, ein Blick in den weihnachtlich geschmückten leeren Salon spricht für sich. Aber Arzu Paj ist eine Kämpferin, "ich hab große Hoffnung, dass es wieder so wird, wie es war. Ich werde dafür kämpfen. Und freue mich darauf, wenn die Zeiten wieder besser sind und die Menschen achtsamer miteinander und mit der Natur umgehen." Arzu Paj ist auch Initiatorin und Macherin des Vereins "Unsre Rottweiler Stadttauben", der in drei großen Schlägen und dem Taubenturm beim alten Feuerwehrhaus jeden Monat bis zu 400 Taubeneier einsammelt und gegen welche aus Gips tauscht. Ein kleiner Trupp Helfer unterstützt sie dabei, manch Spender auch, wobei es eigentlich an allem mangelt. "Aber ich geb nicht auf." Von der Stadt gibt es einen Zuschuss, der reicht aber hinten und vorne nicht. Immerhin merkt man ihren Einsatz im Städtle: Viel weniger Tauben, die auf Nahrungssuche sind- sie werden ja gefüttert. Und viel weniger Taubenkot: "Sie verbringen 80 Prozent ihrer Zeit in den Schlägen."
Eigentlich müssten die Rottweiler, allen voran die Geschäftsleute, dafür dankbar sein, findet Arzu Paj. Doch davon merkt sie wenig, im Gegenteil, immer wieder kommen verletzte, sogar angeschossene Tauben in die Schläge. Taubenhasser, die die Tiere "Ratten der Lüfte" nennen und nicht zu schätzen scheinen, was Arzu Paj und ihre Mitstreiter bewirken. Denn schließlich kommen sie ihnen mit ihrer Arbeit entgegen, „ohne uns würde es im Städtle viel schlimmer aussehen!“ Der Verein ist zudem ganz transparent: „Bei uns kann jeder vorbeikommen. Wir freuen uns über Interesse aus der Bevölkerung." Eigentlich wären noch mehr Schläge vonnöten, gerade ums Landgericht herum leben viele Stadttauben, "aber wir sind nicht in der Lage, noch mehr zu tun."

Arzu Paj ist eine waschechte Rottweilerin, 1973 im Spital geboren und in Bühlingen aufgewachsen. "Unsre Kindheit war das Schönste." Im Fabrikarbeiterhaus standen den Kindern alle Türen offen, wenn eine Mutter Schichtdienst hatte, übernahm eben eine andere das Kochen. Und wenn muslimische Kinder dabei waren, "dann gab es halt kein Wurstbrot." Italiener, Portugiesen, Türken, Jugoslawen, Deutsche, "da gab es keinen Unterschied." Erst später wurde ihr der bewusst, "das war so unterschwellig. Bei uns war es völlig egal, wo einer herkommt. Und wir waren komplett integriert." Später dann, wenn sie betonte, Türkin zu sein, widersprach ihr mancher, sie sei doch Deutsche. "Das war, als ob man mich assimilieren wollte. Lasst mich doch auch Türkin sein, das spielt doch überhaupt keine Rolle!"
Die heutige Situation mit so vielen AfD-Wählern, "das macht mir Angst. Das ist keine gute Entwicklung", sagt Arzu Paj, die sich wundert, wie viele Leute etwas gegen Flüchtlinge haben. Bei ihr machte manch einer ein Praktikum oder die Lehre. "Ich hab nur gute Erfahrungen gemacht, besser als mit manchen Deutschen."
Arzu Paj wurde mit 19 Mutter und war bald danach alleinerziehend. Und schaffte es dennoch, Lehre und Meisterschule abzuschließen und sich dann selbstständig zu machen. "Ich bin da sehr willensstark." Damit gelang es ihr auch, vor zehn Jahren alleine 850 Kilometer den Jakobsweg entlang zu wandern. "Das hatte mir keiner zugetraut. Alle wissen, wie unsportlich ich bin. Ganz viele sagten mir, dass ich das nie schaffen würde." Aber sie schaffte es, trotz teilweise höllischer Beinschmerzen und geistiger Krise, "aber der dritten Woche kommst Du bei Dir selbst an. Es war eines meiner schönsten Erlebnisse."
Mehr über den Verein Unsre Rottweiler Stadttauben findet man hier.