Mit dem Thema Nationalsozialismus setzten sich die beiden DHG-Schüler Jonathan Arnold und David Butschek im Geschichtsunterricht auseinander. Aber die Frage, was damals eigentlich in ihrer Heimat Rottweil passierte, die wurde dort nicht geklärt. Also haben sie angefangen zu recherchieren, im Stadtarchiv geforscht und mit Zeitzeugen gesprochen. Herausgekommen ist ein sehr eindrucksvoller Film, der derzeit bei Youtube regelrecht durch die Decke geht: Seit er am 1. April veröffentlicht wurde, hat er schon über 13.000 Aufrufe, Tendenz stark steigend.
Offenbar haben die beiden angehenden Abiturienten einen Nerv getroffen. In Zeiten von steigendem Antisemitismus in Deutschland scheint es die Menschen wirklich zu interessieren, was damals geschah und wie aus dem konservativ-katholischen Rottweil eine Stadt wurde, in der angesehenen jüdischen Mitbürgern die Existenz genommen, in der jüdische Kinder nicht mehr zur Schule durften und diejenigen, die sich widersetzten, in Straflagern und später im KZ landeten. "Eigentlich wollten wir uns auf den Antisemitismus konzentrieren", erzählt David Butschek, "aber dann sind wir im Archiv auf weitere interessante Themen gestoßen und haben beschlossen, das auszuweiten." Und schließlich auch, den Film öffentlich zu machen, der ursprünglich nur schulintern gezeigt werden sollte.
Die Resonanz hat sie dann aber doch überrascht, denn der Film hat in und um Rottweil einen spannenden Diskurs angestoßen. "Das Feedbeck ist hauptsächlich positiv", freut sich Jonathan Arnold. Und das, obwohl die beiden in ihrem beeindruckend gut gemachten Film nicht zimperlich mit den Rottweilern umgehen: Neben Pflugwirt Paul Heussler, dem Anführer der Nazis in Rottweil und dem erzwungenen Ende der Schwarzwälder Bürgerzeitung der Brüder Rothschild zeigen sie auch die Vertreibung des Schuhhändlers Selik Oko auf, die vor allem seine Schuhmacherkollegen betrieben. Und die, nachdem Oko in "Schutzhaft" kam, den Laden samt Beständen übernahmen. Die beiden jungen Filmemacher scheuen sich nicht, den Zusammenhang zu heute noch bestehenden Geschäften herzustellen. Auch die unzureichende Entnazifizierung nach dem Krieg findet hier Platz, ebenso der aktuelle Bezug - während der Dreharbeiten kam es zum Angriff auf die Synagoge in Halle mit zwei Toten.
Und sie haben Zeitzeugen interviewt. So erzählt der ehemalige Stadtarchivar Dr. Winfried Hecht unter anderem, wie er als neugieriger Bub Bombenangriffe und später den Einmarsch der Franzosen erlebte, und Historiker Werner Kessl berichtet davon, wie er die Reichspogromnacht erlebte, die er als Fünfjähriger am Fenster der elterlichen Wohnung im damaligen Kameralamt beobachtete. Die Feuerwehr habe bereit gestanden, aber die Nazis machten damals nur ein kleineres Feuer auf der Straße, der jüdische Betsaal wurde zwar zerstört, aber nicht wie anderswo abgefackelt. Nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass sonst möglicherweise halb Rottweil in Flammen gestanden hätte.
Auch mit Dr. Gary Rhodes haben die beiden gesprochen: Er ist der Enkel von Ernst Rothschild, der mit seinem Bruder Wilhelm die Schwarzwälder Bürgerzeitung herausgab und diese auf Druck der Nazis 1934 aufgeben musste. Man erfährt, wie hart es für die alteingesessene und angesehene Rottweiler Familie war, die Heimat zu verlassen und in der Fremde ein neues Leben aufzubauen.
"Es ist schön, wenn wir es schaffen, die Erinnerung präsent zum machen", sagt Jonathan Arnold. "Schließlich waren die Nazis auch hier in Rottweil." Technische Hilfe brauchten sie kaum, "zum Glück ist David da sehr begabt", so sein Freund. Und sie könnten noch viele Geschichten erzählen, doch jetzt steht für beide erst einmal das Abitur an. Wer weiß, was danach kommt - der Film jedoch ist jetzt schon ein Meilenstein. "Menschen sind aufgrund des Regimes vertrieben, verfolgt und ermordet worden. Auch hier bei uns. Wir dürfen nicht aufhören, daran zu erinnern", heißt es am Ende des Films.