Kultur und Freizeit

Angelika Karoly: „Ich bin immer auf der Suche nach neuen Formen“

Rottweiler Künstlerviertel beteiligt sich an Europäischen Tagen des Kunsthandwerks

Europäischer Tag des Kunsthandwerks im NeckartalFoto copyright Moni Marcel

Angelika Karoly macht seit Jahrzehnten Keramikkunst. Und kämpft darum, dies, was von vielen immer noch als Kunsthandwerk in eine Schublade weit unterhalb der "Kunst" geschoben wird, ins Rampenlicht zu rücken. Denn dass dies Kunst ist, was mit den Händen entsteht, steht für sie unverrückbar fest. Darum engagiert sie sich auch bei den Europäischen Tage des Kunsthandwerks, die derzeit in ganz Deutschland mit verschiedenen Aktionen und Ausstellungen stattfinden. Auch in Rottweil, wo Angelika Karoly, die in Spaichingen lebt, ihr Atelier hat. Im zauberhaften Neckartal, unterhalb der mittelalterlichen Stadtmauern, war einst die Pulverfabrik, in der Max Duttenhofer unter anderem das rauchlose Pulver herstellen ließ. Heute geht es in der einstigen Rüstungsfabrik ganz friedlich zu, viele Künstler haben sich hier angesiedelt.

Und hier, im Künstlerviertel, kann man am Sonntag, 3. April nicht nur das Atelierhaus Terra von Angelika Karoly, sondern auch die Goldschmiedewerkstatt von Sabine Hoffmann, die Kunstschlosserei von Reinhard Müller, die Ateliers von Künstlerin Franziska Teufel und Raumgestalter Andreas Häfner und die Holzmanufaktur besuchen. Auch in Stuttgart gibt es eine große Ausstellung mit Führungen, die der Bund der Kunsthandwerker (BdK) im Haus der Wirtschaft in der Willi-Bleicher-Straße 19 veranstaltet. Anlass ist auch der 75. Geburtstag des BdK.
Angelika Karoly begeisterte sich schon als junges Mädchen für Keramik. Mit zwölf Jahren kam sie im Kunstunterricht erstmals in Kontakt mit dieser archaischen Art der Kunst, "und das hat mich nie mehr losgelassen." Doch zunächst machte sie die Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin, denn ihr Vater, selbst Bildhauer, bestand darauf, dass sie einen "richtigen" Beruf erlernte. Aber Keramikerin, das war der Traum, und den erfüllte sie sich dann auch. Sie begann, mit dem unglaublich vielfältigen Material Ton zu experimentieren. „Es gibt 20 verschiedene Tonsorten“, und die lassen sich auf unterschiedlichste Art und Weise bearbeiten.
Eine Zeitlang lebte und arbeitete sie in Heidelberg, längst ist aber Spaichingen ihre Heimat. Und Rottweil der Arbeitsort, das Gebäude aus dem Jahr 1888, in dem einst Rohwolle für die Pulverfabrik bearbeitet wurde. „Als ich 1989 erstmals davor gestanden bin, war ich vom Donner gerührt“, erzählt die Künstlerin. Ein Haus, in dem ihre ganze Kunst und noch viel mehr Platz hat, wo sie Lesungen, Konzerte und vieles mehr veranstaltet.
 
Hier entstanden und entstehen lauter Unikate, „jedes Ding ist einzigartig“, sagt sie. „Ich bin fasziniert vom Spiel mit dem Material Ton in all seiner Vielfalt, von der Suche nach neuen Formen, die darin enthalten sind, und lasse mich von der Lust am Experimentieren weitertragen. Große Freude habe ich auch daran, die Oberflächen der Objekte mit Zeichnungen und Strukturen zu versehen. So entstehen Stelen, Objekte, freie Plastiken und Vieles mehr.“
Modische Tendenzen haben Angelika Karoly nie interessiert, „immer bin ich auf der Suche nach neuen Formen, unorthodoxer Arbeitsweise und vor allem einer einzigartigen, von Poesie und Musik durchdrungenen Formensprache.“
 
Das Atelierhaus Terra versteht sich folgerichtig als Ort der Kunst, der Begegnung, der Inspiration und des Experimentierens. „Es ist ein Ort der Stille, der Suche und des Findens, aber ebenso auch ein Ort der ungeahnten Möglichkeiten. Denn beim Arbeiten mit dem Werkstoff Ton sind wir immer mit unserem Innersten verbunden. Die Anbindung an frühe Wurzeln der Menschwerdung wird spürbar: Das Material ist der älteste Kulturträger und unsere Hände sind Werkzeuge, ganz wie es dem Ursprung entspricht.“
 
Hier sind uralte Ahnung und Weisheit ablesbar, „keine neuzeitliche Formensprache übertrifft die ausgeprägte Ästhetik aus alter Zeit. Es ist das Ganz-bei-sich-Sein, zeitlos und frei durch Zeit und Raum wandelnd. Es ist die Liebe zum Ton, der Erde, die mich immer wieder zu neuen Eroberungen herausfordert. Die Lebendigkeit des Materials inspiriert mich auch dazu, Naturstimmungen in den Objekten erahnen zu lassen und den Werken Flügel zu verleihen.“
 
Info:
Im Rahmen der BdK Jubiläumsausstellung beteiligen sich folgende Werkstätten:

Angelika Karoly, Atelierhaus Terra, Neckartal 152, Holzmanufaktur, Neckartal 161, Sabine Hoffmann, Goldschmiede, Neckartal 153, Andreas Häfner, graselli 1763 - Planungsbüro für Innenräume, Neckartal 153, Reinhard Müller, Metallgestaltung, Neckartal 205/5, Franziska Tefel, Malerei, Textilkunst, Materialcollagen, Neckartal 274

Programm:
11.00 Uhr -17.00 Uhr Atelierhaus Terra - Atelier für Keramikkunst, Angelika Karoly
11.00 Uhr -17.00 Uhr Nelly Asprion stellt den Förderverein "deutsch-französisches Kunsthandwerk“ (FDFK) für das junge Kunsthandwerk vor.
12.00 Uhr Angelika Karoly ist BdK-Mitglied und berichtet über Kunsthandwerk und Angewandte Kunst. Führung durch das Atelierhaus.
14.00 Uhr - 15.00 Uhr Holzmanufaktur, Führung von Günther Seitz. Bitte bis 01.04.2022 12 Uhr anmelden: Tel. 0741 9420060
13.00 Uhr - 16.00 Uhr Sabine Hoffmann Neckargoldschmiede, Hochwertiger Schmuck in Silber und Gold.

13.00 Uhr - 16.00 Uhr Franziska Teufel Malerei, Textilkunst, Mixed Media, Materialcollagen.
11.00 Uhr - 17.00 Uhr Andreas Häfner, graselli 1763 - Planungsbüro für Innenräume.
13.00 Uhr - 16.00 Uhr Reinhard Müller, Metallgestaltung
Kontakt bei Fragen, Angelika Karoly: 
Tel. 0171 2087455 info@atelierhaus-terra.de
Satellit-Ausstellung im Zusammenhang mit Europäischen Tage des Kunsthandwerks (ETAK) und der Jubiläumsausstellung 75 Jahre GdK. Am 11. März um 18 Uhr wird im Haus der Wirtschaft, Mia-Seeger-Saal, die Ausstellung mit 100 Teilnehmern aus ganz Europa eröffnet.

Mehr auch unter:
www.kunsthandwerk.de.