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Leben in Rottweil
Pressemitteilung

Bauarbeiten am Friedrichsplatz bringen Rottweiler Familiengeschichte ans Licht

Neu entdeckte Grabplatten von der Predigerkirche erstmals im Dominikanermuseum zu sehen

Neu entdeckte Grabplatten vor der Rottweiler Predigerkirche
Neu entdeckte Grabplatten vor der Rottweiler Predigerkirche: Thomas Schlipf, ehrenamtlicher Beauftragter der archäologischen Denkmalpflege, Museumsleiterin Martina Meyr und Johannes Waldschütz, Mediävist, Kreisarchivar und 2. Vorsitzender des Geschichts- und Altertumsvereins Rottweil (v. l. n. r.).© Stadt Rottweil

Die Bauarbeiten in der Rottweiler Innenstadt bringen nicht nur Veränderungen für die Zukunft – immer wieder kommen dabei auch Spuren der Vergangenheit ans Licht. Bei Arbeiten am Friedrichsplatz wurden unweit der ehemaligen Dominikaner- beziehungsweise Predigerkirche Fragmente mehrerer historischer Grabplatten entdeckt. Zwei der bedeutendsten Neufunde werden am kommenden Wochenende anlässlich der Nacht und des Tags des offenen Denkmals erstmals öffentlich im Dominikanermuseum gezeigt. 

Gesichert wurden die Fragmente von Thomas Schlipf, ehrenamtlicher Beauftragter der archäologischen Denkmalpflege, der die Bauarbeiten am Friedrichsplatz begleitet. Inzwischen konnten die Funde mindestens vier unterschiedlichen Grabplatten zugeordnet werden. „Dass zwischen dem Bauschutt solche Stücke auftauchen, ist natürlich etwas Besonderes. Entscheidend war zunächst, die einzelnen Fragmente zu erkennen, zu sichern und ihren jeweiligen Grabplatten zuzuordnen“, so Schlipf.

Die ersten Nachforschungen zur Identität der Verstorbenen und die Lesung der Inschriften übernahm der Mediävist und Kreisarchivar Johannes Waldschütz, 2. Vorsitzender des Geschichts- und Altertumsvereins Rottweil. „Bei solchen fragmentierten Inschriften ist zunächst jedes lesbare Wort wichtig. Im Zusammenspiel von Schrift, Wappen und historischen Quellen lässt sich dann Schritt für Schritt erschließen, an wen die Grabplatten erinnern“, erklärt Waldschütz.

Besondere Aufmerksamkeit hatte zunächst eine Grabplatte mit einem Hund im Wappen erregt. Schnell kam die Frage auf, ob hier möglicherweise eine frühe Darstellung des „Rottweilers“ zu sehen sei. Die inzwischen entzifferte Inschrift weist jedoch in eine andere Richtung. Auf dem Stein ist noch zu lesen: „(st)arb die ersam frow apolonia von Endinge(n)“. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Verstorbenen um Apolonia Endinger, die Ehefrau des Rottweiler Bürgermeisters Gall Möcker.

Besonders spannend ist ein zweiter Fund. Auf Fragmenten einer ähnlich gestalteten Grabplatte sind unter anderem die Worte „vest he(r) gall“ erhalten. Möglicherweise lässt sich die ursprüngliche Inschrift zu „(do star)b der e(del) vest he(r) gall …“ ergänzen. Vieles spricht deshalb dafür, dass es sich um die Grabplatte von Apolonias Ehemann Gall Möcker handelt. Apolonia ist letztmals 1545, ihr Mann Gall letztmals 1546 in den historischen Quellen belegt.

„Die Bauarbeiten verändern derzeit das Bild unserer Innenstadt. Gleichzeitig ermöglichen sie uns immer wieder ganz unerwartete Einblicke in die ältere Geschichte Rottweils“, sagt Museumsleiterin Martina Meyr. „Besonders schön ist in diesem Fall, dass aus zunächst rätselhaften Steinfragmenten plötzlich wieder konkrete Menschen und Rottweiler Familien hervortreten, die vor fast 500 Jahren hier gelebt haben.“

Sollte sich die Zuordnung bestätigen, wären bei den Bauarbeiten am Friedrichsplatz die Grabplatten eines Rottweiler Ehepaares aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wiederentdeckt worden.

Auch eine dritte, besser erhaltene Grabplatte gibt Rätsel auf. Ihre Inschrift nennt das Jahr 1449 und den Valentinstag: „Anno dni M CCCC im XLVIIII iar uf sanct veltis dag“. Das Wappen zeigt einen Pferdekopf beziehungsweise Pferderumpf. Ein solches Wappenbild ist auch für die Herren von Justingen belegt, die im 14. und frühen 15. Jahrhundert die Herrschaft Bösingen innehatten und zugleich Rottweiler Bürger waren. Ob die Platte tatsächlich einem Mitglied dieser Familie gehörte, ist Gegenstand der weiteren Untersuchungen. Von einer vierten, vermutlich jüngeren Grabplatte ist bislang nur ein einzelnes Fragment erhalten. 

Noch ungeklärt ist auch, wann die Grabplatten aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang entfernt und schließlich als Baumaterial verwendet wurden. Denkbar ist, dass dies im Zusammenhang mit größeren Veränderungen am Predigerkloster geschah – etwa beim barocken Neubau der Predigerkirche 1753 bis 1755 oder beim Abbruch der Klostermauer um 1830.

Zwei Grabplatten exklusiv am Denkmalwochenende zu sehen

Eine erste Gelegenheit, die außergewöhnlichen Funde selbst zu betrachten, bietet sich bereits am kommenden Wochenende. Die Grabplatten von Apolonia Endinger sowie die Grabplatte aus dem 15. Jahrhundert, die vielleicht der Familie Justingen zugeordnet werden kann, werden am Samstag, 12., und Sonntag, 13. September, exklusiv im Dominikanermuseum präsentiert.

Die Präsentation ist Teil des Rottweiler Programms zur Nacht des offenen Denkmals am Samstag und zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag. Rottweil ist 2026 Gastgeberstadt der landesweiten Eröffnung des Denkmalwochenendes, das unter dem Motto „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“ steht.

Sonderöffnungszeiten der Präsentation im Dominikanermuseum:
Samstag, 12. September 2026: 18–23 Uhr
Sonntag, 13. September 2026: 10–17 Uhr

Der Eintritt ist frei.