
Knut Sälinger aus Deißlingen hat zwei Anliegen, die er am liebsten allen Leuten sagen möchte: Passt auf, was Ihr in Eure Patientenverfügung schreibt. Und frischt Eure Kenntnisse in Sachen Notfallversorgung auf. Denn seine Frau Stefanie erlitt im Januar 2018 ein Herzversagen. Urplötzlich, aus heiterem Himmel, ohne jegliche Vorerkrankungen oder Risiken, mit 47 Jahren. Und sie wurde damals nicht richtig versorgt, statt dass ein Notarzt gerufen wurde, brachte sie jemand in die Helios-Klinik nach Rottweil. Heute leidet Stefanie Sälinger unter Krampfanfällen, ähnlich einer Epilepsie, durch die lange Unterversorgung ihres Hirns mit Sauerstoff ist sie schwerbehindert. „Ich bin komplett unselbstständig“, sagt Stefanie Sälinger. Wäre sie sofort richtig versorgt worden, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen, davon sind die beiden überzeugt.
Dann lag sie in der Klinik, im künstlichen Koma, und nach drei Wochen stand ihr Mann vor der Frage, ob man die Geräte abschalten sollte oder nicht. Zum Glück, in diesem Fall, hatte seine Frau keine Patientenverfügung, also lag die Entscheidung bei ihm. Denn wenn sie dort ausgefüllt hätte, dass sie nicht unnötig an Geräten hängend weiterleben möchte, hätte das auch so geschehen können, hätten die Ärzte eigentlich abschalten müssen und seine Frau wäre gestorben. Doch Knut Sälinger sah, dass seine Frau, von Medikamenten sediert, noch etwas Mimik hatte. Dass sie noch lebte, und das möglicherweise nicht nur durch die Geräte, an denen sie hing. Ausprobieren, ob sie ohne Geräte leben würde, das ging nicht. „Wenn sie das machen, dürfen sie danach die Geräte eben nicht mehr abschalten“, erzählt Knut Sälinger.
Er entschied, dass seine Frau leben sollte, bei allen Risiken, auch mit Blick auf den gemeinsamen Sohn, der seine Mutter brauchte. Eine enorm schwere Entscheidung. Knut Sälinger wünscht es wirklich niemanden, in solch eine Situation zu kommen. Und rät eindringlich dazu, dies zu bedenken, wenn man eine Patientenverfügung ausfüllt. „Man braucht hier jemanden, der entscheidet, der in so einer speziellen Situation sagt, was zu tun ist.“ In so einer Situation, in der man es, wie Stefanie Sälinger, eben selbst nicht mehr entscheiden kann. „Ich habe mich total alleine gelassen gefühlt.“ Knut Sälinger wurde von den Ärzten auch gefragt, ob die Organe seiner Frau für Organspenden genutzt werden könnten, „klar, sie war ja bis dahin kerngesund.“ Und sie hat Blutgruppe 0, wäre also Universalspenderin, ihre Organe hätten vielen, die auf eines warten, helfen können.
Hilfe hätte Knut Sälinger damals auch gebraucht, und er wünscht sich, dass sich die Menschen mehr damit beschäftigen, wie man in einem Fall wie dem seiner Frau richtig reagiert, den Notruf absetzt, Ersthilfe leistet. Damit das niemand anderem passiert, was ihm und seiner Frau passiert ist. Knut Sälinger gab damals seinen Beruf auf und machte sich selbstständig, um für seine Frau da sein zu können. Die Familie zog vom schönen alten Haus in Rottweils historischer Innenstadt nach Deißlingen, hier gibt es nicht so viele Treppen, was Stefanie Sälinger das Leben etwas erleichtert. Zumindest ein wenig, hier kommt sie mit dem Rollator ganz gut zurecht. Manches kann sie noch, lesen, selbst essen, aber kochen, das geht nicht, wegen ihrer Anfälle, denn dann stürzt sie oft. Die Gefahr ist zu groß, dass sie dabei das Haus in Brand setzt. Einmal ging bei einem Sturz die gläserne Küchentür zu Bruch. Im Grunde ist es am sichersten, wenn sie am Tisch sitzt oder auf dem Sofa liegt. „Reden, essen, trinken, fernsehgucken, das kann ich noch alleine“, sagt Stefanie Sälinger, der Frust klingt zwischen den Zeilen durch.
„Ich kann nicht einmal alleine duschen.“ Denn eine barrierefreies Bad können sich die Sälingers nicht leisten. Zwar gibt es Zuschüsse dafür, aber die sind nicht ausreichend für den teuren Umbau.
Ganz geben die Sälingers die Hoffnung nicht auf, dass es vielleicht doch noch ein selbstständigeres Leben für Stefanie gibt. Aber vor allem gilt ihr Appell allen, sich mit diesem so wichtigen, aber oft unbeachteten Thema auseinanderzusetzen. Denn es kann so schnell gehen...