
Seit vielen Jahren diskutiert man in Deißlingen darüber, dass noch immer eine Straße nach Fritz Kiehn benannt ist. Der Trossinger Unternehmer galt lange als Wohltäter der Gemeinde, weil er 1961 Geld für den Bau des Kindergartens in der Straße spendete. Am Dienstag beschloss der Gemeinderat, Straße und Kindergarten neue Namen zu geben.
"Es ist unerträglich, dass eine Straße nach einen höheren Nazi benannt ist", fand Bernd Krause (CDU). Und Bürgermeister Ralf Ulbrich gab ein klares Statement: Fritz Kiehn sei ein geltungssüchtiger, egomanischer Charakter gewesen, ein Nazi der ersten Stunde und SS-Offizier. "Er war in keinster Weise Mitläufer, sondern ein Täter, wenn auch nicht in der ersten, so doch in unmittelbar folgender Reihe. Sein wirtschaftlicher Erfolg - er leitete die nach ihm benannten EFKA-Werke - beruhte auch auf darauf, dass er enteignete jüdische Firmen übernahm. Nach dem Krieg war er sich keiner Intrige zu fein. Er hat sich persönlich bereichert."
Dass er im Entnazifizierungsprozess 1949 als minderbelastet eingestuft wurde und eine milde Strafe bekam, "ist aus heutiger Sicht unverständlich." Nach 1945 habe Kiehn alte Seilschaften bemüht und sich dadurch schnell rehabilitiert, so erlangte Kiehn sogar die ihm zuvor aberkannte Ehrenbürgerwürde Trossingens wieder und wurde in den Gemeinderat gewählt. Kiehn habe sich um damals rare Arbeitskräfte bemüht und dies auch in Deißlingen, erklärte Ulbrich das Engagement des Unternehmers, und sei hier auch auf offene Ohren gestoßen. Dem damaligen Bürgermeister Reuter und dem Gemeinderat sei der fragwürdige Hintergrund Kiehns egal gewesen, und so habe man die Spende von damals 15.000 Mark für die künstlerische Ausgestaltung des Kindergartens gern angenommen und im Gegenzug die Straße nach ihm benannt. Es waren übrigens Romuald Hengstler und Siegfried Haas, die für die Kunst im Kindergarten zuständig waren. Dass der Kindergarten, der im Volksmund "Fritz Kiehn-Kindergarten" heißt, in diesem Kontext stehe, sei unerträglich, gerade weil er ein inklusiver ist: Kiehn habe schon 1931 entsprechende Äußerungen gemacht, die man als "Quasivorwegnahme der Euthanasie" bezeichnen könnte, wie zuvor Karl-Wolfgang Staiger betont hatte.
"Kiehn hat die NS-Ideologie immer wieder propagiert", so der Bürgermeister. Sein soziales Engagement nach 1945 sei nur seinem Geltungsdrang geschuldet gewesen, ein Mittel zum Zweck, weil er dringend Arbeitskräfte brauchte. Ulbrich sprach sich gegen eine Umbenennung der Straße aus, "dann hätten wir mit der Hindenburgstraße ein weiteres Thema", er schlug vor, die Straßenschilder mit Zusatzinformationen zu versehen.
Viele Bürger hätten sich in den letzten Tagen an ihn gewandt und gemeint, man solle doch endlich Gras darüber wachsen lassen, aber das lehnte Ubrich kategorisch ab. "Erinnern darf niemals enden! Das ist unsre verdammte Pflicht als Nachkriegsgeneration!" Bruno Bantle (SPD) betonte, die damals Verantwortlichen hätten sämtliche wichtigen Dokumente vor dem Einmarsch der Franzosen vernichtet, "die Nazizeit wurde in Deißlingen nicht aufgearbeitet", und Bernd Krause (CDU) bezeichnete Kiehn als "Nazi übelster Machart", bei der Entnazifizierung "haben Nazis Nazis entlastet!" Tobias Vierkötter und Gerhard Stern (SPD) sprachen sich dafür aus, mit einer Tafel oder Ausstellung zu zeigen, wer Kiehn war. "Mahnen und erinnern, gerade jetzt!", so Vierkötter.
Unerträglich fand auch Dr. Dietmar Kargoll (CDU) die Tatsache, aber "wenn der Straßenname verschwindet, verschwindet die Person nicht. Ein Straßenschild ist kein Mittel der Geschichtsvermittlung." Er schlug vor, die abmontierten Straßenschilder ins Rathaus zu stellen mit den entsprechenden Informationen dazu. "Es liegt an uns, wie wir die Vergangenheit wach halten", ergänzte Bruno Bantle, und Hubert Holl (DUL) betonte, Fritz Kiehn habe sein Leben lang nicht zugegeben, dass er Fehler begangen hat. Am Ende stimmten neun Räte für die Umbenennung, vier dagegen und vier enthielten sich. Wie die Straße zukünftig heißen wird, wird in einer der nächsten Gemeinderatssitzungen Thema sein, im Raum stehen Widerstandskämpfer wie Fritz Erler oder Georg Elser. Der Kindergarten, da war man sich einig, wird zukünftig Kindergarten in der Au heißen.