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Nähkästchengeplaudere

Von der Freiheit zu lieben
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Es ist Herbst, ein sehr schöner zwar, aber unzweifelhaft Herbst. Danach ist lange Winter. Da trösten auch die marmorierten Kastanien und bunten Blätter nicht ganz darüber hinweg. Es steckt immer „Ende“ im Herbst, und weil im Herbst das neue Schuljahr anfängt und mit ihm viel Neues, auch Anfang. Zeit zum Sortieren und Ordnen, was will ich und was will ich nicht. Und was packe ich wie in die Beziehungskiste, und will ich überhaupt eine haben? Sich als Teil eines Paares zu fühlen ist so schlecht nicht, schon, weil damit ein geeigneter Rahmen für ein paar Grundbedürfnisse wie Nähe und Körperwärme geschaffen ist. Und für jemanden mit-zuständig zu sein, ist auch schön. Aber egal, wie man es angeht – es vermischen sich Leben, und der eine wird irgendwie Teil vom anderen. Das sollte schon einigermaßen passen.

Und ohne ist auch nicht schlecht. Ich habe nicht das Gefühl, dabei auf Liebe verzichten zu müssen. Mit der Liebe verhält es sich, glaube ich, ziemlich konsequent wie mit dem Echo - so wie man ruft, ruft es zurück. Da kann Liebe aus allen Ecken und Nischen kommen, völlig frei von Beziehungskisten und Geschlechterrollen, und das, ganz ohne dass wer sein Lebensgefühl einem anderen anpasst und sich früher oder später eventuell komisch damit fühlt. Und ohne dass Schmetterlingsschwärme Sicht und Verstand rauben. Und ohne dass das C zwangsläufig nach dem B und dies nach dem A kommen muss und schon im Voraus festgelegt ist, was B und C und alle ihre Kompagnons beinhalten. Wenn ich so um mich sehe, finde ich das A oft vielleicht noch ganz nett, manche Bs und Cs aber wenig erstrebenswert. Und das ist nicht Rosinenpicken. Freundschaft und Liebe dürfen mir durchaus etwas abverlangen, zeitweise auch viel, zeitweise darf es auch weh tun -jemanden leiden können hat durchaus aus mit es-leiden zu tun - aber ich lege doch Wert darauf, mitbestimmen zu können, was und wie sie das tun.

Es ist eine großartige Freiheit, solche Überlegungen anstellen zu können, Beziehung und Liebe frei von Abhängigkeiten und den wirtschaftlichen Aspekten einer Lebensplanung zu stellen. Ich kenne Typen, – nicht wenige – und in ihrer Mehrheit sehen sie sich kurioserweise selbst dabei als modern und aufgeklärt - die den Umstand bedauern, dass Frauen gehen können. Wie gut waren doch die Zeiten, in denen man zusammen bleiben MUSSTE, weil sonst einem die Versorgung fehlte. Das ging meist zu Lasten der Frauen, die blieben, weil sie sonst auf der Straße gelandet wären. (Was manchen trotzdem als das kleinere Übel erschien).

Es sind häufig dieselben, die „Freiheit!“ und „Eigenverantwortung!“ rufen und den Sozialstaat zurückfahren möchten, und die dann Abhängigkeiten anderer von ihnen selbst schamlos ausnutzen und diesen jede Eigenverantwortung absprechen.

Es lebe der Sozialstaat. Es soll allen frei stehen, zu lieben wie und mit wem sie wollen, unabhängig davon ob jemand arm oder reich ist. Die Dinge mögen vor der industriellen Revolution und der Aufklärung anders ausgesehen haben, heute ist der Begriff der Freiheit ein Menschenrecht. Freiheit ist mehr als eine (unmögliche und überhaupt nicht erstrebenswerte) Freiheit des Marktes, mehr als die Freiheit zu arbeiten und zu konsumieren, und bei wem die Rechnung nicht aufgeht, der hat eben Pech gehabt. Es gibt keine Freiheit ohne Gleichberechtigung und Respekt. Der Sozialstaat ist keine Wohlfahrt, die irgendwer sich leistet, sondern Grundlage unserer Gesellschaftsordnung.

Gerade laufen die Koalitionsverhandlungen. Die FDP hat Steuererhöhungen ausgeschlossen. Selbst die sehr, sehr Reichen dürfen ungekürzt und ungehindert weiterscheffeln. Andererseits will man investieren und muss die Wirtschaft weiter wachsen und wachsen und wachsen, und dabei will man auch noch gleich die Folgen all der Krisen und ihre Bewältigung unterstützen – klar, wo man am Ende spart und kürzt. Eine Politik für ein paar Prozent der Bevölkerung, zu Lasten einer großen Mehrheit. Dafür darf die auf den Autobahnen weiter rasen. Und die Junge Union bejubelt Amerikas durchgeknallte extreme Rechte, und hier sieht man einen Linksrutsch und schürt Panik. Aber alle haben voll den Plan.

Ich weiß wenigstens, wenn ich keinen habe.

Ich kann auch konservativ. Es ist ja nun nicht so, dass ich das klassische Familienmodell nicht schützenswert fände. Das ist ein bewährtes und häufig ganz prima funktionierendes Modell. Von mir aus soll das geschützt sein mit allem, was dazugehört, mit Steuerklasse Supergünstig und Ehegattensplitting und allem pipapo. Ich neide das nicht. Ich muss auch nicht alle Vorteile haben, die ein anderer mit seiner Lebensgestaltung hat. Darum geht es nicht, wenn man von Gerechtigkeit spricht. Sollen alle lieben, wie sie´s wollen. Wer will, mit Trauschein; wer den nicht will, dem soll sein Auskommen anders möglich sein. Von mir aus kann wer seinen Goldhamster heiraten. Es gibt so viele Modelle, wie es Beziehungen gibt.

Die Kinder der meisten meiner Freund*innen sind schon groß, und ich staune, wie langlebig und konsequent sie ihre Beziehungen gestalten, wie respektvoll sie miteinander umgehen, wie bewusst sie zusammen Rahmen bauen, in denen jede/r sich entfalten und auch einen eigenen Weg gehen kann. Das ist toll. Die werden ihre Energien ganz anders einsetzen können. Wer also Angst haben sollte vor einem Niedergang des christlichen Abendlandes, weil Ehe und Familie neu definiert werden, der sei beruhigt – es geschieht nichts Schlimmes. Es kommt nur mehr und stärkere Liebe ins Leben.

Meine Generation ist - ich würde wagen zu behaupten „geschädigt von mitunter bizarren Eheverhältnissen der Eltern“ - mit zum Teil langen Listen an One-night-stands ins Liebesleben gestartet. Listen, die man sich fast samt und sonders hätte sparen können. Auch unter der Prämisse einer freien, sexuellen Entfaltung muss frau nicht bei jedem Quatsch dabei sein. Später hat irgendwann fast jede mal ´“Ja“ gesagt. Die meisten meiner Altersgenoss*innen- so kommt es mir jedenfalls vor - sind heute allerdings mehrfach geschieden bzw getrennt. Das macht uns nichts aus, es wird nie langweilig darüber zu reden. Wir wissen vielfach erst nach Jahrzehnten, wie wir´s eigentlich gerne hätten. So werden wir solo und single und getrennt und wiederverpaart und wieder getrennt zusammen alt, und auch das ist ganz prima. Ich liebe meine Freund*innen. Und für den Moment reicht mir das in der Beziehungskiste. Den Deckel, den lass ich allerdings mal noch geöffnet. Es wird auch wieder Frühling.

 

Anmerkung: ich habe für das Projekt einer Freundin (www.zutua.org) ein Nähkästchen gefüllt und nach Kamerun geschickt. Jetzt ist es dort angekommen und soll helfen, einer Frau ihren Lebensunterhalt zu sichern. Auch so reist Liebe um die Welt.

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