Der Bürgerempfang der Stadt Rottweil am 11. Januar 2026 in der Stadthalle war weit mehr als ein festlicher Start ins neue Jahr. In seiner ausführlichen Rede zeichnete Oberbürgermeister Dr. Christian Ruf ein realistisches, stellenweise sehr ehrliches Bild der Lage – und verband es zugleich mit einer klaren Botschaft des Mutes, der Zuversicht und des gemeinsamen Gestaltens.
Ein Abend für die Stadtgesellschaft
Traditionell ist der Bürgerempfang das erste große Ereignis des Jahres – und auch 2026 zeigte sich die Stadthalle komplett gefüllt. Dr. Ruf nutzte den Blick in den Saal, um gleich zu Beginn eines deutlich zu machen: Rottweil lebt von Menschen, die sich einbringen. Von Ehrenamtlichen, Engagierten, Verantwortlichen in Vereinen, Blaulichtorganisationen, Kirchen, Kultur und Kommunalpolitik. Sie seien es, so der Oberbürgermeister, die das Fundament der Stadtgesellschaft bilden – gerade in Zeiten, in denen die Herausforderungen spürbar wachsen.
„Gemeinsam. Erfolgreich. Gestalten.“ – mehr als ein Motto
Mit dem Dreiklang „Gemeinsam. Erfolgreich. Gestalten.“ gab Dr. Ruf die Leitlinie für das Jahr 2026 vor. Jedes dieser Worte wurde von ihm bewusst mit Inhalt gefüllt:
Gemeinsam stehen wir für Zusammenhalt und Teamgeist, erfolgreich nicht nur für Zahlen, sondern für gelingende Zusammenarbeit, und gestalten für aktives Handeln statt Abwarten. Zusammengenommen sei dies ein Auftrag an alle, die Zukunft Rottweils positiv weiterzuentwickeln.
Klartext zur Finanzlage der Kommunen
Einen breiten Raum nahm die angespannte finanzielle Situation ein – ein Thema, das den Gemeinderat und die Verwaltung seit Monaten intensiv beschäftigt. Dr. Ruf sprach offen über die strukturellen Probleme der Kommunalfinanzen. Immer neue Aufgaben von Bund und Land, so seine Kritik, träfen auf begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen. Sein Appell: Es brauche weniger Versprechen und mehr politische Ehrlichkeit – und eine konsequente Anwendung des Konnexitätsprinzips.
Ein konkretes Beispiel machte die Dimension greifbar: der ab dem Schuljahr 2026/27 geltende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Rottweil werde diesen erfüllen, betonte der Oberbürgermeister – auch wenn trotz Förderung weiterhin erhebliche Kosten bei der Stadt verblieben. Ein Satz brachte die Situation pointiert auf den Punkt:
„Sparmaßnahmen sind keine Spaßmaßnahmen.“
Einschnitte mit Augenmaß
Vor dem Hintergrund eines erwarteten Defizits im städtischen Haushalt wurde ein umfangreiches Sparpaket beschlossen – das größte in der jüngeren Geschichte Rottweils. Von gekürzten Zuschüssen über reduzierte Öffnungszeiten bis hin zu Stelleneinsparungen: Kaum ein Bereich blieb unberührt. Gleichzeitig machte Dr. Ruf deutlich, dass der Gemeinderat diese Entscheidungen nicht leichtfertig getroffen habe, sondern mit dem Ziel, die Handlungsfähigkeit der Stadt langfristig zu sichern. Sparen allein reiche jedoch nicht aus – auch Einnahmen müssten überprüft und angepasst werden.
Landesgartenschau 2028: Motor statt Luxus
Ein zentrales Thema der Rede war die Landesgartenschau 2028 – und ein häufiger Kritikpunkt, dem Dr. Ruf entschieden widersprach. Die Landesgartenschau sei kein Luxusprojekt, sondern ein finanzieller Hebel für die Stadtentwicklung. Ohne diesen Status wären viele dringend notwendige Maßnahmen – von Brückensanierungen über den Friedrichsplatz bis hin zum zentralen Umsteigepunkt – schlicht nicht finanzierbar.
Gerade der Umbau des Friedrichsplatzes, der nach der Fasnet startet und mit erheblichen Verkehrseinschränkungen verbunden sein wird, verlangte den Bürgerinnen und Bürgern Geduld ab. Doch der Oberbürgermeister ließ keinen Zweifel: Stillstand sei keine Option. Oder, wie er es formulierte:
„Baustelle vergeht – Fortschritt besteht.“
Zwischen Spaten und Schutzhelm
Für einen humorvollen Moment sorgte eine persönliche Anekdote: Trotz Anzug und Krawatte habe er stets einen Spaten und einen Helm im Kofferraum seines Autos – angesichts der vielen Baustellen wisse man nie, wann der nächste Spatenstich anstehe. Ein Bild, das sinnbildlich für die derzeitige Dynamik in Rottweil steht.
Neckarline: Das Jahrhundertprojekt nimmt Gestalt an
Einen besonderen Höhepunkt der Rede bildete die Fußgänger-Hängebrücke Neckarline. Was vor einem Jahr noch für Raunen gesorgt hatte, ist nun konkret: Die Eröffnung ist für das Wochenende vom 24. bis 26. April 2026 geplant. Mit 606 Metern Länge, einem 60 Meter hohen Pylon und einer erwarteten Besucherzahl von über 100.000 Menschen jährlich wird sie nicht nur Berner Feld, Testturm und Innenstadt verbinden, sondern auch neue Impulse für Handel, Gastronomie und Tourismus setzen.
Dr. Ruf nannte die Neckarline einen „Herzschrittmacher für unsere Stadt“ – und erklärte 2026 zum „Jahr der Brücken“. Sieben Brückenprojekte prägen aktuell das Stadtbild und sollen auch touristisch erlebbar gemacht werden.
Blick in die Zukunft: Aquasol und weitere Projekte
Trotz aller Sparzwänge richtete der Oberbürgermeister den Blick nach vorn. Besonders deutlich wurde dies beim Thema Aquasol. Eine wirtschaftliche Sanierung sei nicht möglich – die einzige realistische Option sei ein Neubau als Kombibad am Standort des Freibads. Mit geschätzten Kosten von rund 40 Millionen Euro und der Hoffnung auf Fördermittel ist das Projekt ambitioniert, aber für Dr. Ruf unverzichtbar: Schwimmbäder seien Teil der kommunalen Daseinsvorsorge.
Ehrenamt als Rückgrat der Stadt
Der zweite Teil des Abends stand ganz im Zeichen der Wertschätzung. Mit persönlichen Worten und eindrucksvollen Lebenswegen ehrte der Oberbürgermeister drei Persönlichkeiten mit der Bürgermedaille der Stadt. Die Geschichten machten deutlich, was Ehrenamt in Rottweil bedeutet: jahrzehntelanges Engagement, oft im Stillen, getragen von Verantwortung, Überzeugung und Menschlichkeit.
Ein realistischer Optimismus
Der Bürgerempfang 2026 war kein Abend der Schönfärberei – aber auch keiner der Resignation. Dr. Ruf sprach Herausforderungen klar an, verband sie jedoch mit einer Haltung des gemeinsamen Anpackens. Sein Schlussappell hallte nach: Gerade jetzt seien Gemeinsinn, Solidarität und Engagement gefragt. Wenn Rottweil zusammenhalte, könne die Stadt auch schwierige Jahre erfolgreich gestalten.
Oder, in seinen Worten:
„Jeder Beitrag zählt – und jeder, der sich einbringt, macht einen Unterschied.“
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