Zukunft Rottweil

Berner Feld: Die vielleicht wichtigste Zukunftsentscheidung dieses Jahres

Warum der Gemeinderat am 10. Juni über weit mehr als eine Photovoltaikanlage abstimmt

Berner Feld: Die vielleicht wichtigste Zukunftsentscheidung dieses Jahres
Strom erzeugen, Energie speichern und gleichzeitig Lebensräume erhalten: Der Bürgerenergiepark Berner Feld soll zeigen, wie regionale Energieversorgung, Bürgerbeteiligung und Naturschutz gemeinsam gedacht werden können. Über die Umsetzung entscheidet der Rottweiler Gemeinderat am 10. Juni.

Wenn am 10. Juni die Mitglieder des Rottweiler Gemeinderats ihre Hand heben, wird formal über einen Bürgerenergiepark abgestimmt. Auf dem Papier geht es um eine Fläche am Berner Feld, nördlich der Bundesstraße B27 am Rand des Gewerbegebiets, um Solarmodule, einen Batteriespeicher und die planungsrechtlichen Voraussetzungen für deren Bau. Die vorgesehene Fläche umfasst nach Angaben der KlimaRegion Rottweil rund 3,2 Hektar.

Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell, dass die eigentliche Entscheidung deutlich größer ist.
Es geht um die Frage, wie Rottweil mit den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte umgehen möchte.

Es geht um die Versorgung einer zunehmend elektrischen Gesellschaft. Um die Rolle regionaler Energieversorgung in einer Welt, die von geopolitischen Spannungen, steigenden Energiebedarfen und technologischem Wandel geprägt ist. Und es geht um die Frage, ob eine mittelgroße Stadt wie Rottweil bereit ist, neue Wege zu gehen und dabei möglicherweise Vorbild für andere Kommunen zu werden.

Während vielerorts noch darüber diskutiert wird, wie die Energiewende aussehen könnte, liegt in Rottweil bereits ein konkretes Konzept auf dem Tisch.

Die Zukunft wird elektrisch

Wer heute durch Neubaugebiete fährt oder mit regionalen Unternehmen spricht, erkennt die Veränderungen bereits deutlich.

Wärmepumpen ersetzen Öl- und Gasheizungen. Elektroautos werden zunehmend zum Standard. Produktionsprozesse werden elektrifiziert. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Rechenleistung durch Digitalisierung, künstliche Intelligenz und moderne Kommunikationssysteme in einem Ausmaß, das noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.

Die Bundesnetzagentur und zahlreiche Forschungseinrichtungen gehen deshalb davon aus, dass der Stromverbrauch Deutschlands in den kommenden Jahrzehnten deutlich ansteigen wird. Während heute jährlich rund 500 bis 600 Terawattstunden Strom verbraucht werden, rechnen viele Szenarien für die Zeit bis 2045 mit einem Bedarf von 750 bis über 1.000 Terawattstunden.

Die eigentliche Herausforderung besteht dabei nicht darin, ob genügend Strom produziert werden kann. Technisch ist dies längst möglich.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Woher soll dieser Strom kommen?
Und wer kontrolliert die Infrastruktur, die ihn bereitstellt?

Quelle: Bundesnetzagentur – Netzentwicklungsplanung Strom

Energie wird zum Standortfaktor

Noch vor wenigen Jahren spielten Fragen der Energieversorgung bei Standortentscheidungen vieler Unternehmen eine eher untergeordnete Rolle. Strom war verfügbar, die Preise bewegten sich in einem vergleichsweise stabilen Rahmen und nur wenige Betriebe machten sich Gedanken darüber, woher ihre Energie eigentlich stammt.

Diese Situation hat sich grundlegend verändert. Energiepreise, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeitsstrategien sind inzwischen zu wichtigen Faktoren geworden, wenn Unternehmen über Investitionen, Erweiterungen oder neue Standorte entscheiden. Besonders energieintensive Betriebe beobachten die Entwicklung der Strommärkte sehr genau. Aber auch Handwerksbetriebe, Dienstleister und mittelständische Unternehmen profitieren von einer stabilen und zukunftsfähigen Energieinfrastruktur.

Für Kommunen entsteht daraus eine neue Aufgabe. Neben Gewerbeflächen, Verkehrsanbindung und Fachkräften wird zunehmend auch die Energieversorgung zu einem Standortvorteil. Regionen, die frühzeitig in moderne Stromnetze, Speichertechnologien und regionale Erzeugungskapazitäten investieren, stärken damit ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Der Bürgerenergiepark Berner Feld könnte deshalb nicht nur ein Energieprojekt sein. Er könnte zugleich ein Signal dafür sein, dass Rottweil die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte aktiv gestalten möchte – und damit seine Attraktivität als Wirtschaftsstandort weiter ausbaut.

Die Lehren aus der Energiekrise

Lange Zeit galt Energie in Deutschland als selbstverständlich.
Strom kam aus der Steckdose. Gas kam aus der Leitung. Über Herkunft, Lieferketten oder geopolitische Abhängigkeiten machten sich nur wenige Gedanken.

Bereits vor 2022 hatten viele Verbraucher die steigenden Preise für Strom und Erdgas gespürt. Die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Pandemie, internationale Marktbewegungen und eine wachsende Nachfrage nach Energie führten schon damals zu deutlichen Preissteigerungen. Der Krieg in der Ukraine, die darauf folgenden Sanktionen und die Neuordnung der europäischen Energieversorgung haben diese Entwicklung anschließend erheblich beschleunigt.

Gleichzeitig zeigen auch aktuelle Konflikte im Nahen Osten, wie sensibel die globalen Energiemärkte auf geopolitische Ereignisse reagieren. Die Preisentwicklung bei Öl, Gas und Strom wird längst nicht mehr allein von Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern zunehmend auch von politischen Entscheidungen, internationalen Spannungen und strategischen Interessen.

Für viele Experten liegt darin eine wichtige Erkenntnis: Je stärker eine Region von externen Energiequellen abhängig ist, desto größer wird ihre Anfälligkeit für Entwicklungen, die sie selbst kaum beeinflussen kann. Eine stärkere regionale Energieerzeugung wird deshalb nicht nur als Beitrag zum Klimaschutz verstanden, sondern zunehmend auch als Frage der wirtschaftlichen Stabilität, Versorgungssicherheit und Krisenvorsorge.

Innerhalb weniger Monate stiegen Preise auf Rekordhöhen. Unternehmen mussten ihre Kalkulationen neu schreiben. Private Haushalte sorgten sich um ihre Heizkosten. Kommunen diskutierten Notfallpläne.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit lautet:
Versorgungssicherheit besitzt einen Wert.

Und dieser Wert lässt sich nicht allein in Cent pro Kilowattstunde berechnen.

Eine Region, die einen Teil ihrer Energie selbst erzeugen, speichern und verwalten kann, gewinnt Handlungsspielräume. Sie wird widerstandsfähiger gegenüber Krisen und unabhängiger von Entwicklungen, die sie selbst nicht beeinflussen kann.

Genau an dieser Stelle beginnt die Diskussion um das Berner Feld.

Ein Projekt, das mehr sein will als ein Solarpark

Auf den ersten Blick wirkt das Konzept vertraut.
Geplant ist eine Freiflächen-Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 4,4 Megawatt. Die prognostizierte Strommenge von rund fünf Millionen Kilowattstunden entspricht rechnerisch dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von etwa 1.500 Haushalten. Tatsächlich wird der Strom selbstverständlich in das bestehende Netz eingespeist und nicht exklusiv einzelnen Haushalten zugeordnet.

Doch die eigentliche Besonderheit liegt an anderer Stelle.
Neben der Photovoltaikanlage soll ein Großspeicher mit einer Kapazität von 10 Megawattstunden entstehen. Genau dieser Speicher könnte langfristig die größere Bedeutung besitzen als die Solarmodule selbst.

Denn viele Kritikpunkte an erneuerbaren Energien richten sich nicht gegen die Stromerzeugung, sondern gegen deren zeitliche Verfügbarkeit.

Die Sonne scheint nicht nachts.
Der Wind weht nicht immer.
Diese Feststellung ist richtig. Sie beschreibt jedoch weniger ein Problem der Energieerzeugung als ein Problem der Energiespeicherung.

Moderne Batteriespeicher verändern dieses Verhältnis grundlegend. Sie können überschüssige Energie aufnehmen, wenn sie vorhanden ist, und sie später wieder bereitstellen, wenn sie benötigt wird. Dadurch entsteht ein deutlich flexibleres System, das sich besser an den tatsächlichen Bedarf anpassen kann.

Weltweit investieren Energieversorger derzeit Milliardenbeträge in genau diese Technologie. In Kalifornien, Australien, Großbritannien und zunehmend auch in Deutschland entstehen Batteriespeicher, die inzwischen als unverzichtbarer Bestandteil moderner Stromnetze gelten.

Quelle: Fraunhofer ISE – Energiespeicher und Stromsysteme

Warum die Zusammenarbeit mit der ENRW Aufmerksamkeit verdient

Besonders interessant ist dabei die geplante Einbindung des Projekts in die bestehende regionale Energieinfrastruktur.

Der Bürgerenergiepark soll nicht isoliert betrieben werden. Vielmehr ist vorgesehen, ihn gemeinsam mit der ENRW in die regionale Stromversorgung einzubinden und die vorhandene Infrastruktur zu nutzen.

Dieser Aspekt verdient besondere Aufmerksamkeit.

Kommunale Energieversorger gelten nicht gerade als Institutionen, die technische Risiken leichtfertig eingehen. Ihre Aufgabe besteht darin, Versorgungssicherheit zu gewährleisten, Netze stabil zu halten und langfristig tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Nach Angaben der ist vorgesehen, den Energiepark gemeinsam mit der ENRW in die regionale Infrastruktur einzubinden. Die geplante Einbindung in die bestehende Ringleitung gilt als wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzeptes.

Es deutet darauf hin, dass hier nicht lediglich Strom erzeugt werden soll, sondern dass ein System entsteht, das Erzeugung, Speicherung und Netzstabilität miteinander verbindet.

Gerade diese Kombination gilt unter Energieexperten als eine der zentralen Voraussetzungen für die Energieversorgung der Zukunft.

Kann ein Energiepark nach einem Blackout helfen?

Spätestens seit den Diskussionen über kritische Infrastrukturen und mögliche Stromausfälle gewinnt ein Begriff an Bedeutung, den bislang vor allem Fachleute kannten: die sogenannte Schwarzstartfähigkeit.

Darunter versteht man die Fähigkeit, Teile eines Stromnetzes nach einem großflächigen Stromausfall wieder eigenständig hochzufahren. Herkömmliche Photovoltaikanlagen können dies in der Regel nicht leisten. Fällt das Stromnetz aus, schalten sie aus Sicherheitsgründen automatisch ab.

Nach Angaben der KlimaRegion Rottweil soll der geplante Batteriespeicher jedoch so in die regionale Infrastruktur eingebunden werden, dass er perspektivisch einen Beitrag zum Wiederaufbau der Stromversorgung leisten könnte. Vorgesehen ist die Einbindung in die bestehende 20-kV-Ringleitung rund um Rottweil. Dadurch würde der Speicher nicht nur überschüssige Energie aufnehmen und zeitversetzt bereitstellen, sondern könnte im Ernstfall auch Teil eines regionalen Wiederanlaufkonzeptes sein.

Ob und in welchem Umfang diese Möglichkeiten künftig tatsächlich genutzt werden können, hängt von technischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ab. Dennoch zeigt das Beispiel, dass moderne Batteriespeicher längst nicht mehr nur als Ergänzung von Solaranlagen betrachtet werden. Sie entwickeln sich zunehmend zu einem eigenständigen Baustein kritischer Infrastruktur.

Landwirtschaft oder Energie?

Kaum ein Argument wird in der öffentlichen Diskussion häufiger genannt als die Sorge um landwirtschaftliche Flächen. Tatsächlich ist jede Freiflächenanlage ein Eingriff in die bisherige Nutzung.

Die entscheidende Frage lautet jedoch, welche Nutzung ersetzt wird.

Im Berner Feld werden derzeit Energiepflanzen für die Biogasproduktion angebaut. Auch dies ist letztlich eine Form der Energieerzeugung. Die Diskussion dreht sich daher nicht um die Frage „Energie oder Lebensmittel“, sondern um die Frage, welche Form der Energiegewinnung auf dieser Fläche langfristig sinnvoller erscheint.
Tatsächlich stehen sich im Berner Feld zwei Formen der Energiegewinnung gegenüber. Während heute Energiepflanzen angebaut werden, die anschließend in Biogasanlagen verwertet werden, würde künftig Solarstrom erzeugt und gespeichert. Die Frage lautet deshalb nicht, ob Energie erzeugt werden soll, sondern welche Technologie auf derselben Fläche langfristig die höhere Energieausbeute, die größere Versorgungssicherheit und den größeren regionalen Nutzen verspricht.

Nach Angaben der KlimaRegion Rottweil handelt es sich dabei überwiegend um Flächen, die bereits heute der Energiegewinnung dienen und nicht primär der Lebensmittelproduktion. Die Diskussion dreht sich deshalb weniger um die Frage, ob eine landwirtschaftliche Nutzfläche aufgegeben wird, sondern vielmehr darum, welche Form der Energieerzeugung auf derselben Fläche künftig den größeren Nutzen für die Region entfalten kann.

Zahlreiche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Photovoltaik pro Hektar ein Vielfaches der Energiemenge erzeugen kann, die über Energiepflanzen erreichbar ist. Gleichzeitig entfallen große Teile der Bodenbearbeitung, des Düngeeinsatzes und weiterer landwirtschaftlicher Eingriffe.

Damit verändert sich auch die ökologische Situation der Fläche.

Kann Technik der Natur helfen?

Für viele Menschen wirkt die Vorstellung zunächst widersprüchlich.
Wie soll ausgerechnet ein Solarpark der Artenvielfalt nutzen?
Die Antwort liegt im Vergleich zur bisherigen Nutzung.

Intensiv bewirtschaftete Ackerflächen bieten oft nur wenigen Tier- und Pflanzenarten geeignete Lebensräume. Werden diese Flächen extensiver genutzt, entstehen neue Rückzugsräume. Zwischen den Modulreihen können Blühpflanzen wachsen. Schafbeweidung ersetzt teilweise maschinelle Pflege. Insekten finden Nahrung und Schutz. Vögel, Reptilien und zahlreiche andere Arten profitieren von den ruhigeren Bedingungen.

Die bislang größte deutsche Untersuchung zu diesem Thema wurde vom Bundesverband Neue Energiewirtschaft veröffentlicht. Sie dokumentierte in zahlreichen Solarparks eine deutlich höhere Artenvielfalt als auf vergleichbaren intensiv genutzten Agrarflächen.
Die positiven Effekte treten nicht automatisch ein. Entscheidend sind Pflegekonzept, Bepflanzung und Bewirtschaftung der Fläche.

Auch der NABU weist darauf hin, dass gut geplante Solarparks einen Beitrag zur Förderung der Biodiversität leisten können. Natürlich wird aus einer Photovoltaikanlage kein Naturschutzgebiet.

Doch die Vorstellung, jede technische Nutzung müsse zwangsläufig einen ökologischen Verlust bedeuten, wird durch viele aktuelle Untersuchungen zunehmend in Frage gestellt.

Weiterführende Informationen:
Bundesverband Neue Energiewirtschaft – Artenvielfalt in Solarparks

NABU – Solarparks und Biodiversität

Bürgerenergie statt Konzernprojekt

Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Projekten.

Beim Berner Feld geht es nicht um einen internationalen Investor, der eine Fläche pachtet und die Erträge an einen entfernten Unternehmenssitz abführt.

Projektträger ist die KlimaRegion Rottweil eG.
Das bedeutet, dass Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und regionale Akteure die Möglichkeit haben, sich unmittelbar an der Entwicklung zu beteiligen.

Die Wertschöpfung bleibt zumindest teilweise vor Ort. Entscheidungen werden regional getroffen. Erfahrungen fließen in weitere Projekte der Region ein.

Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, wichtige Entscheidungen würden weit entfernt getroffen, besitzt dieser Gedanke eine besondere Bedeutung.

Was kostet das Projekt die Stadt?

Bei nahezu jedem größeren Infrastrukturprojekt stellt sich früher oder später dieselbe Frage: Wer bezahlt das eigentlich?

Gerade in Zeiten angespannter kommunaler Haushalte dürfte diese Frage auch viele Bürgerinnen und Bürger sowie Mitglieder des Gemeinderates beschäftigen. Nach Angaben der KlimaRegion Rottweil eG soll der Bürgerenergiepark Berner Feld jedoch nicht durch die Stadt finanziert werden.

Die Genossenschaft erklärt, sämtliche projektbezogenen Kosten selbst zu tragen. Dazu zählen unter anderem Planungsleistungen, Gutachten, Ausgleichsmaßnahmen, Verwaltungsaufwendungen sowie die Kosten für den Netzanschluss. Eine Beteiligung des städtischen Haushalts ist nach den vorliegenden Informationen nicht vorgesehen.

Auch für die Zeit nach dem Ende der Betriebsdauer soll vorgesorgt werden. Nach Angaben der Projektträger wird eine vertragliche Rückbauverpflichtung Bestandteil des Projektes sein. Damit soll sichergestellt werden, dass die Anlage nach Ablauf ihrer Nutzung wieder entfernt und die Fläche in einen ordnungsgemäßen Zustand zurückgeführt werden kann.

Für den Gemeinderat steht damit weniger die Frage einer finanziellen Beteiligung im Vordergrund als vielmehr die Entscheidung, ob die vorgesehene Fläche für dieses Zukunftsprojekt genutzt werden soll.

Rechnet sich das Projekt auch ohne Fördergelder?

Kaum ein Thema wird bei Energieprojekten kontroverser diskutiert als die Frage nach staatlichen Zuschüssen. Viele Bürger verbinden Photovoltaik, Windkraft und Batteriespeicher noch immer automatisch mit Förderprogrammen oder der EEG-Umlage.

Nach Angaben der KlimaRegion Rottweil eG soll der Bürgerenergiepark Berner Feld jedoch vollständig ohne staatliche Förderung und ohne EEG-Vergütung auskommen. Auch die Kosten für den Netzanschluss würden nach Auskunft der Genossenschaft vollständig vom Projekt selbst getragen.

Nach Angaben der KlimaRegion Rottweil basiert die Wirtschaftlichkeitsberechnung dabei nicht auf staatlichen Fördermitteln, sondern auf marktüblichen Erlösen aus Stromerzeugung, Speicherbetrieb und energiewirtschaftlichen Dienstleistungen. Die Genossenschaft geht davon aus, dass sowohl die Photovoltaikanlage als auch der Batteriespeicher eigenständig wirtschaftlich betrieben werden können. Für Beobachter ist dies ein interessanter Aspekt, weil damit ein Modell verfolgt wird, das zunehmend auch von großen Energieunternehmen gewählt wird: Erneuerbare Energien sollen sich nicht aufgrund von Förderungen rechnen, sondern aufgrund ihrer Wettbewerbsfähigkeit am Markt.

Sollte sich diese Kalkulation in der Praxis bestätigen, würde dies einen bemerkenswerten Wandel verdeutlichen. Denn während erneuerbare Energien in ihren Anfangsjahren tatsächlich stark auf politische Förderung angewiesen waren, sind insbesondere Photovoltaik und Batteriespeicher in den vergangenen Jahren deutlich günstiger geworden.

Nach Einschätzung vieler Energieexperten gehören moderne Freiflächen-Photovoltaikanlagen inzwischen zu den kostengünstigsten Formen der Stromerzeugung überhaupt. Batteriespeicher eröffnen darüber hinaus zusätzliche Einnahmemöglichkeiten, etwa durch Lastmanagement, Netzdienstleistungen oder die Vermarktung von Strom zu Zeiten höherer Nachfrage.

Die langfristige Wirtschaftlichkeit hängt selbstverständlich von zahlreichen Faktoren ab – etwa von der Entwicklung der Strompreise, der Zinslandschaft und der technischen Entwicklung. Dennoch ist die Aussage der KlimaRegion bemerkenswert: Das Projekt soll nach eigenen Angaben nicht als Förderprojekt, sondern als wirtschaftlich tragfähige Infrastrukturinvestition realisiert werden.

Wenn Gewinne in der Region bleiben

Mindestens ebenso interessant wie die Finanzierung ist die Frage, wem die Erträge eines solchen Projektes künftig zugutekommen.

Nach Angaben der KlimaRegion Rottweil soll das Projekt vollständig ehrenamtlich begleitet werden. Die Genossenschaft verfolgt nach eigener Aussage das Ziel, wirtschaftliche Erträge möglichst innerhalb der Region zu halten. Bürgerinnen und Bürger sollen die Möglichkeit erhalten, sich über Genossenschaftsanteile oder Beteiligungsdarlehen direkt am Projekt zu beteiligen und von dessen Erfolg zu profitieren. Anders als bei klassischen Investorenmodellen würden mögliche Erträge damit nicht überwiegend an externe Kapitalgeber fließen, sondern zumindest teilweise den Mitgliedern der Genossenschaft und der Region zugutekommen.

Sollte das Projekt erfolgreich verlaufen, könnten Erträge nach diesem Modell direkt den Mitgliedern der Genossenschaft zugutekommen. Darüber hinaus verweist die KlimaRegion auf Beteiligungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger sowie auf mögliche Gewerbesteuereinnahmen für die Region.

Gerade dieser Aspekt unterscheidet Bürgerenergieprojekte von vielen klassischen Infrastrukturvorhaben. Während bei großen Investitionsprojekten Gewinne häufig an überregionale oder internationale Kapitalgeber fließen, bleibt bei einer Genossenschaft ein größerer Teil der Wertschöpfung vor Ort.

Befürworter sehen darin nicht nur einen wirtschaftlichen Vorteil, sondern auch eine stärkere Identifikation der Bevölkerung mit dem Projekt. Kritiker werden dagegen fragen, ob die kalkulierten Erträge tatsächlich erreicht werden können und welche Risiken die Beteiligten tragen. Genau diese Fragen werden in den kommenden Jahren darüber entscheiden, ob das Berner Feld als Modellprojekt wahrgenommen wird.

Was wäre die Alternative?

Bei kontroversen Projekten wird häufig darüber diskutiert, welche Auswirkungen eine Umsetzung hätte. Deutlich seltener wird die Gegenfrage gestellt:

Was passiert eigentlich, wenn das Projekt nicht realisiert wird?

Die Antwort darauf ist weniger offensichtlich, als es zunächst erscheint.

Die Fläche im Berner Feld würde in diesem Fall nicht automatisch zu einem Naturreservat werden. Nach aktuellem Stand würde sie weiterhin überwiegend für den Anbau von Energiepflanzen genutzt werden, die der Energiegewinnung dienen. Die grundsätzliche Nutzung zur Energieerzeugung bliebe also bestehen.

Auch der geplante Batteriespeicher würde nicht entstehen. Damit entfiele ein Baustein, der nach Auffassung vieler Energieexperten künftig eine immer wichtigere Rolle für die Stabilisierung regionaler Stromnetze spielen wird.

Ebenso würden Möglichkeiten einer direkten Bürgerbeteiligung an der regionalen Energieversorgung entfallen. Wertschöpfungspotenziale, Beteiligungsmodelle und mögliche Gewerbesteuereinnahmen kämen nicht zustande.

Natürlich bedeutet dies nicht automatisch, dass jede Alternative schlechter wäre. Es verdeutlicht jedoch, dass die Entscheidung nicht zwischen „Veränderung“ und „keiner Veränderung“ getroffen wird. Vielmehr stehen unterschiedliche Zukunftsmodelle gegenüber, deren Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen werden müssen.

Ein Blick über die Stadtgrenzen hinaus

Rottweil wäre mit diesem Ansatz keineswegs allein.
In verschiedenen Regionen Deutschlands haben Bürgerenergieprojekte bereits gezeigt, welche Entwicklung möglich ist, wenn Kommunen, Energieversorger und Bürger gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Als besonders bekannt gilt das brandenburgische Feldheim. Dort entstand über viele Jahre ein nahezu eigenständiges Energiesystem aus Windkraft, Solarenergie, Speichertechnologien und einem lokalen Stromnetz. Auch die hessische Stadt Wolfhagen gilt als Vorreiter der Bürgerenergie. Dort beteiligt sich die Bürgerschaft direkt am kommunalen Energieversorger und profitiert von dessen Entwicklung. Im bayerischen Wildpoldsried wiederum wurden erneuerbare Energien zu einem wichtigen Bestandteil der lokalen Wertschöpfung und machten die Gemeinde weit über die Region hinaus bekannt.

Natürlich lässt sich keines dieser Beispiele eins zu eins auf Rottweil übertragen. Sie zeigen jedoch, dass Bürgerenergieprojekte weit mehr sein können als reine Stromerzeugungsanlagen. Sie können Innovationsmotoren werden, neue Beteiligungsformen schaffen und einer Region ein Profil geben, das weit über die eigentliche Energieversorgung hinausreicht.

Die eigentliche Entscheidung

Natürlich gibt es berechtigte Fragen.
Wie wirtschaftlich ist das Projekt langfristig?
Wie entwickelt sich der Strommarkt?
Welche Auswirkungen hat die Anlage auf das Landschaftsbild?
Kann die Genossenschaft die Finanzierung dauerhaft stemmen?
Diese Fragen verdienen ehrliche Antworten und eine offene Diskussion.
Gleichzeitig wäre es jedoch zu kurz gedacht, ausschließlich auf mögliche Risiken zu schauen.
Jede größere Entwicklung beginnt mit der Bereitschaft, Chancen zu erkennen.

Die Hängebrücke, der Testturm, die Landesgartenschau und viele erfolgreiche Unternehmen der Region zeigen, dass Fortschritt selten dort entsteht, wo ausschließlich die Schwierigkeiten betrachtet werden.

Er entsteht dort, wo Menschen bereit sind, Möglichkeiten zu erkennen und verantwortungsvoll umzusetzen.

Vielleicht wird man in einigen Jahren feststellen, dass das eigentlich Interessante am Berner Feld nicht die Photovoltaikanlage war.

Vielleicht wird man dann über regionale Speicherlösungen sprechen, über Energy Sharing, über lokale Wertschöpfung oder über neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bürgern, Kommunen und Energieversorgern.

Vielleicht wird das Projekt zeigen, dass auch mittelgroße Städte Impulse setzen können, die weit über ihre eigenen Grenzen hinausreichen.

Der Gemeinderat entscheidet am 10. Juni formal über einen Bürgerenergiepark.
Tatsächlich entscheidet er jedoch auch darüber, welche Rolle Rottweil in einer zunehmend elektrischen, digitalisierten und energieabhängigen Zukunft spielen möchte.
Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Webseite der Klimaregion Rottweil