Zukunft Rottweil

Das Leuchten der Flamme – Warum die Zukunft unserer Heimat im „Wir“ liegt

Ein Kommentar von der Redaktion Rottweil inside

Das Leuchten der Flamme – Warum die Zukunft unserer Heimat im „Wir“ liegt
Die Flamme weitergeben: STG-Geschäftsführer Hansjörg Mair plädierte auf der Jahrestagung in Weil am Rhein eindringlich für den Mut zu gemeinsamen, zukunftsfähigen Veränderungen in der Region.

Wer die Tourismus- und Regionalentwicklung verstehen will, darf nicht nur auf die nackten Zahlen schauen. Gewiss, die Milliardenumsätze und Rekordübernachtungen, von denen auf der Jahrestagung der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) am 8. Juli in Weil am Rhein berichtet wurde, sprechen eine deutliche Sprache. Doch viel tiefer blicken ließ die flammende Botschaft, die Geschäftsführer Hansjörg Mair an die Region richtete. Eine Botschaft, die wie gerufen kommt für eine Stadt wie Rottweil, die sich gerade zwischen Testturm, der neuen Fußgängerhängebrücke „NECKARLINE“ und der bevorstehenden Landesgartenschau touristisch gänzlich neu definiert.

Der feierliche Anlass – das 25-jährige Bestehen der STG, das auf einer stolzen, 120-jährigen Geschichte der regionalen Tourismusstrukturen aufbaut – diente Mair nicht für selbstgefällige Rückschauen. Im Gegenteil: Er richtete den Fokus mit Nachdruck nach vorn, auf die anstehenden, notwendigen Veränderungen. Auf eine Wahrheit, die uns in Rottweil ganz besonders aufrütteln sollte.

Das Paradoxon von der Asche und der Flamme

Im Zentrum von Mairs Ausführungen stand die Frage, wie wir mit dem Erbe und der Zukunft unserer Heimat umgehen. Er zog dabei ein bekanntes, kraftvolles Gleichnis heran:

Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.

Wer einen Sehnsuchtsort bewahren wolle, so Mair, der müsse ihn konsequent zukunftsfähig machen. Und das gelinge nicht durch bloßes Verwalten im stillen Kämmerlein, sondern nur durch die Kraft der Gemeinschaft.

Genau hier liegt der schmerzhafte Punkt, an dem wir in Rottweil den Spiegel vorhalten müssen. Unsere älteste Stadt Baden-Württembergs ist zwar offiziell Mitglied der Tourismus GmbH, doch im operativen Alltag plätschert diese Mitgliedschaft oft nur am Rande mit. Noch schwerer wiegt jedoch ein hausgemachtes Problem: die mangelnde Bereitschaft der Unternehmen, Akteure und Initiativen zu echtem, mutigem und partnerschaftlichem Aktivismus innerhalb unserer eigenen Stadtgrenzen.

Das Kirchturmdenken oder: Wenn das Hemd näher ist als die Jacke

Ob in der lokalen Wirtschaft, im Handel oder bei den verschiedenen Projekten vor Ort: Zu oft kocht in Rottweil jeder sein eigenes Süppchen. Es gibt eine spürbare Tendenz, die Dinge lieber isoliert „selbst in die Hand zu nehmen“ – sei es aus Angst, in einer Gemeinschaft an Profil zu verlieren, oder aus der Sorge, für andere mitbezahlen zu müssen. Hansjörg Mair fand auf der Bühne der Jahrestagung deutliche Worte für dieses Phänomen:

Ich glaube, in Zeiten wie diesen, in denen der Spielraum enger wird, ist es genau der falsche Weg, sich abzukapseln. Wer glaubt, jetzt nur noch egoistisch das eigene Ding durchziehen zu müssen – nach dem Motto ‚Das Hemd ist mir näher als die Jacke‘ –, der irrt. Sonderwege, Eitelkeiten oder vor allem Konkurrenzdenken machen eine Marke niemals stark. Das schafft nur die Zusammenarbeit – vorausgesetzt, wir ziehen auch weiterhin alle an einem Strang. Und zwar in dieselbe Richtung.

Die STG selbst ist das beste Beispiel dafür, was erreicht werden kann, wenn man Kirchtürme hinter sich lässt und Kräfte bündelt. Aus einem losen Verbund ist eine echte, international strahlende „Lovebrand“ geworden. Weil dort verstanden wurde, dass man im globalen Wettbewerb als Einzelkämpfer schlicht unsichtbar bleibt.

Ein Meisterwerk aus Stahl benötigt ein Fundament aus Gemeinschaft.

Wir stehen in Rottweil an einer historischen Schwelle. Mit der Eröffnung der „NECKARLINE“, dieses Meisterwerks aus Visionen und Stahl, zieht ein neuer Magnet Menschen weit über die Landesgrenzen hinaus an. Zusammen mit dem Aufzugstestturm und der kommenden Landesgartenschau haben wir Trümpfe in der Hand, von denen andere Regionen nur träumen können.

Doch diese touristischen Leuchttürme werden nur dann nachhaltig strahlen und echten Mehrwert für uns alle schaffen, wenn wir sie als Gemeinschaftsprojekt begreifen. Ein spektakuläres Bauwerk lockt die Menschen an – aber erst der gemeinsame Aktivismus, die Gastfreundschaft, der lebendige Einzelhandel und das stimmige Gesamterlebnis im Tal und auf der Höhe machen Rottweil zu einem Ort, an den man gerne zurückkehrt.

Regionalentwicklung im 21. Jahrhundert ist keine Aufgabe für Einzelgänger. Sie ist ein Gemeinschaftswerk:

Tourismus, Gastronomie, Kommunen, Freizeitwirtschaft, Handel und Politik. Alle tragen gemeinsam Verantwortung [...] Erfolg entsteht niemals allein. Erfolg entsteht immer gemeinsam.

Ein Aufruf zum Handeln: Den Blick nach vorn richten

Es ist Zeit für ein Umdenken in Rottweil. Notwendige Veränderungen anzugehen und den Blick konsequent nach vorn zu richten – das bedeutet, das Kirchturmdenken und das Beharren auf dem eigenen, kleinen Vorteil hinter uns zu lassen. Es bedeutet, mutig aufeinander zuzugehen und im gemeinsamen Handeln die Zukunft unserer Region aktiv zu gestalten.

Die großen Projekte der kommenden Jahre sind eine historische Chance, um auch menschlich und strukturell enger zusammenzurücken. Denn am Ende entscheidet sich die Zukunft unserer Heimat nicht an der Länge einer Brücke oder der Höhe eines Turms. Sie entscheidet sich an unserem Mut zum „Wir“.

Oder um es mit den Abschlussworten von Hansjörg Mair zu sagen:

Design oder Nichtsein ist keine Frage des Designs, es ist eine Frage des Mutes, eine Frage der Verantwortung und am Ende eine Frage des Herzens.

Packen wir es gemeinsam an.
Rottweil hat das Herz dazu – jetzt brauchen wir nur noch den Mut.